Zur sprachlichen Integration von geflüchteten Jugendlichen durch eine gesprächsanalytisch fundierte Heterogenitätssensibilisierung von zukünftigen Lehrer*innen

Maxi Kupetz
13.09.2018, Poster-Session

Thema des Posters ist die Sensibilisierung von zukünftigen Lehrer*innen für den Umgang mit sprachlich und kulturell heterogenen Schüler*innen, insbesondere mit geflüchteten Jugendlichen, die inzwischen in Regelklassen unterrichtet werden. „[F]ür den Lehrerberuf [werden] in besonderer Weise Fähigkeiten der Situations- und Kontextsensibilität, des Fallverstehens und der Reflexivität gefordert“ (Kramer/Lewek/Schütz 2017: 45). Um diese Fähigkeiten zu fördern, bietet sich ein kasuistischer Ansatz der Lehrer*innenbildung an, der eine Konfrontation mit Praxis ohne Handlungsdruck ermöglicht (ebd.).

Die diskutierten Fälle speisen sich, der analytischen Mentalität der Konversationsanalyse folgend (Bergmann 2001), aus Ausschnitten von Gesprächssituationen, die durch Videoaufzeichnungen der detaillierten Sequenzanalyse zugänglich sind. Dabei wird auf zwei Arten von Daten zurückgegriffen: i) Lehr-Lern-Interaktion im Förderunterricht Deutsch als Zweitsprache und ii) Gruppengespräche mit geflüchteten Jugendlichen zu ihren Schul- und Lernerfahrungen im Herkunftsland und in Deutschland.

Aufnahmen von DaZ-Förderunterricht, in den die Schüler*innen Themen und Texte aus dem Regelunterricht einbringen, ermöglichen eine Rekonstruktion von (bildungs)sprachlichen und fachlichen Herausforderungen, mit denen sich die Jugendlichen tagtäglich konfrontiert sehen. Aus den Gruppengesprächen mit geflüchteten Jugendlichen können unterschiedliche Erfahrungen, Haltungen und Vorstellungen rekonstruiert werden, z. B. zur Rolle des ‚Vortraghaltens‘ in der Schule und zur Relevanz der selbstständigen Informationsbeschaffung. Dabei ist das Fokusgruppengespräch als soziale Interaktion ernst zu nehmen; es kann unter Rückgriff auf das Konzept der Positionierung analysiert werden (Lucius-Hoene/Deppermann 2004; Deppermann 2013), denn Fragende „inkarnieren gesellschaftliche Positionen, Anforderungen, Einstellungen und Erwartungen, mit denen sich die Befragten handelnd auseinandersetzen“ (Deppermann 2013: 32).

Teilhabe von Geflüchteten soll ermöglicht werden, indem durch die systematische Arbeit mit Fällen in der Lehrer*innenbildung ein tieferes Verständnis für die Komplexität und Systematizität von Lehr-Lern-Interaktion im DaZ-Förderunterricht entwickeln wird. Außerdem soll ein Reflexionsprozess zu Lernkultur(en) angeregt werden, in dem vermeintlich selbstverständliche Annahmen über Lehren und Lernen explizit gemacht und einer Diskussion zugänglich gemacht werden.

 

Literatur
Bergmann, Jörg R. (2001): Das Konzept der Konversationsanalyse. In: Klaus Brinker; Armin Burkhardt; Gerold Ungeheuer et al. (Hrsg.): Text- und Gesprächslinguistik. Berlin u.a.: De Gruyter. Band 2: Gesprächslinguistik. HSK 16, 919-927.

Deppermann, Arnulf (2013): Interview als Text vs. Interview als Interaktion. In: FQS Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research 14(3), Art. 13.

Kramer, Rolf-Torsten; Tobias Lewek; Susanne Schütz (2017): Kasuistische Lehrerbildung für den inklusiven Unterricht. In: Journal für LehrerInnenbildung 3/2017, 44-48.

Lucius-Hoene, Gabriele; Arnulf Deppermann (2004): Narrative Identität und Positionierung. In: Gesprächsforschung – Online-Zeitschrift zur verbalen Interaktion 5, 166-183.