Zu den Funktionen von Emojis in privater und öffentlicher Smartphone-Kommunikation

Nina-Maria Klug/Steffen Pappert
12.09.2018, 14.00 Uhr-14.45 Uhr, S06 XX, Symposium I

In der massenmedialen Öffentlichkeit wird allenthalben über den Siegeszug der Emojis in der digitalen Kommunikation berichtet. Konsens scheint darin zu bestehen, dass a) Emojis zum unabdingbaren kommunikativen Handwerkszeug der Smartphone-NutzerInnen gehören (sie somit den kommunikativen Haushalt erweitern) und b) sie vor allem beim Ausdruck von Gefühlen der klassischen Schriftsprache weit überlegen sind (sie somit bewährte semiotische Verfahren ablösen). Neben diesen allgemeinen Urteilen wird mitunter auch das Bedeutungs- bzw. Funktionsspektrum der kleinen Bildzeichen beleuchtet. So werden den interessierten Rezipierenden nicht nur kulturspezifische Verwendungsweisen nahegebracht, sondern auch „falsche“ oder anzügliche Interpretationen aufgezeigt. Das massenmedial vermittelte Wissen soll so die UserInnen über den „richtigen“ Gebrauch von Emojis aufklären und vor Missverständnissen bewahren, sowohl in privaten als auch in öffentlichen Umgebungen. Die hohe Relevanz, die Emojis im alltäglichen Gebrauch und in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit internetbasierter Kommunikation zukommt, spiegelt sich in der linguistischen Forschung bislang nicht wider. Im deutschsprachigen Raum lassen sich bisher nur vereinzelte Untersuchungen finden, die sich mit der bildlichen Ausdrucksressource und ihrer multimodalen Einbettung in den Kontext sprachlicher Kommunikation zuwenden (vgl. Pappert 2017; Dürscheid/Siever 2017; zu Aspekten multimodaler Einbettung allgemein: Klug/Stöckl 2015). In unserem Beitrag wollen wir diesem Ungleichgewicht Rechnung tragen und uns das semiotische Potenzial von Emojis, konkret: ihre semantischen und funktionalen Möglichkeiten und Grenzen in der Smartphone-basierten Interaktion genauer anschauen, und zwar in verschiedenen Kommunikationsformen, die zwischen privat und öffentlich oszillieren (können). Dabei gehen wir davon aus, dass Privatheit oder Öffentlichkeit nicht in erster Linie an die Rahmenbedingungen der jeweiligen Kommunikationsform gebunden ist, sondern vielmehr interaktiv hergestellt werden muss. So sind Emojis als ikonostilistische Mittel (Pappert 2017) beispielsweise für die Herstellung von Nähe nachgerade prädestiniert. Dabei ergänzen oder ersetzen sie sprachliche Elemente konzeptioneller Mündlichkeit wie beispielsweise Diskurs- und Abtönungspartikeln, expressive Interjektionen, Inflektive oder auch gruppensprachliche Ausdrücke. Im multimodalen Zusammenspiel mit diesen sprachlichen Formen signalisieren Emojis Spontaneität, Interaktivität, Vertrautheit, bisweilen auch Intimität und können damit als semiotische Verfahren zur interaktiven Herstellung von Privatheit in hohem Maße beitragen. Dies soll zum einen an unterschiedlichen Beispielen aus WhatsApp-Interaktionen demonstriert werden. Zum anderen wird danach zu fragen sein, welche Funktionen Emojis in öffentlichen Kommunikationsformen wie der Sozialen Netzwerk Seite (SNS) einnehmen, z.B. in Interaktionen auf der Facebook-Timeline oder auf Instagram, die nicht in erster Linie der Beziehungspflege, sondern dem (öffentlichen) Informations- und Meinungsaustausch (zwischen einander potenziell Unbekannten) dienen.

Literatur
Dürscheid, Christa/Christina M. Siever (2017): Jenseits des Alphabets – Kommunikation mit Emojis. In: Zeitschrift für Germanistische Linguistik 45 (2), 256–285.

Klug, Nina-Maria/Hartmut Stöckl (2015): Sprache im multimodalen Kontext. In: Ekkehard Felder/Andreas Gardt (Hg.): Handbuch Sprache und Wissen. Berlin/Boston: De Gruyter, S. 242-266.

Pappert, Steffen (2017): Zu kommunikativen Funktionen von Emojis in der WhatsApp-Kommunikation. In: Michael Beißwenger (Hg.), Empirische Erforschung internetbasierter Kommunikation. Berlin/New York: De Gruyter, S. 175-211.