Wissen und soziale Rollen in onkologischen Aufklärungsgesprächen

Lisa Korte
13.09.2018, Poster-Session

Wissen spielt in der Gesellschaft eine große Rolle, insbesondere in institutionellen Kontexten. Wissensvermittlung und -aushandlung geschehen jedoch häufig ‚en passant‘, d.h. die Interaktanten verfolgen in Gesprächen jeweils bestimmte Ziele, ohne dass sie darüber nachdenken, wie sie Wissen vermitteln oder aushandeln.

Bei der Analyse von Wissen im Gespräch stehen die Interaktionsteilnehmer im Fokus: Es geht darum, wie sie selbst im Gespräch Wissen anzeigen, einander zuschreiben, vermitteln und inwieweit sie dies relevant setzen (Deppermann 2015).  Groß/Harren (2016:18) weisen darauf hin, dass ein Desiderat innerhalb der Gesprächsforschung in der Analyse von Wissen in Abhängigkeiten zu institutionellen Zielen und Rollen aus einer angewandten Perspektive besteht. Sie beziehen sich auf die Analyse von relevant gesetztem Wissen durch die Interagierenden, Wissensasymmetrien, -genese und –transfer. Dort setzt das Dissertationsprojekt an.

Das Korpus besteht aus 56 onkologischen Aufklärungsgesprächen (transkribiert nach Gat 2, siehe Selting et al. 2009), erhoben im Rahmen des von der Deutschen Krebshilfe geförderten Projektes „Von der Pathologie zum Patienten: Optimierung von Wissenstransfer und Verstehenssicherung in der Onkologie zur Verbesserung der Patientensicherheit“ (Projektnr. 111172, siehe Bentz et al 2016).  

In den onkologischen Aufklärungsgesprächen werden Patienten erstmals mit einer Krebsdiagnose konfrontiert. Die Gespräche beinhalten die Diagnosemitteilung und die Therapieplanung. Der Fokus liegt auf der Analyse der wissensbezogenen ‚kommunikativen Projekte‘ (Linell 2009, 2012) Informieren und Erklären als Teil der situativen Realisierungsebene (Günthner/Knoblauch 1994) von kommunikativen Gattungen (vgl. Bergmann/Luckmann 1995, Günthner/Knoblauch 1995, Günthner/König 2016).

Ein weiterer Aspekt ist die Analyse der sozialen Rollen (Goffman 2010, jedoch begrenzt auf die verbalen Daten)  von Arzt, Patient und Angehörigen in Verbindung mit epistemischen Modalitäten (siehe dazu u.a. Deppermann 2015, Brünner 2009; zur Analyse von Epistemik in Gesprächen allgemein siehe u.a. Heritage 2012, 2013, Boye 2016, Nuyts 2001). Dabei ist von Bedeutung, wie und mit welchen sprachlichen Ressourcen Wissen angezeigt, zugeschrieben oder abgesprochen wird und inwiefern eine Aushandlung der Rollen stattfindet.

 

Literatur
Bentz, Martin; Binnenhei, Martin, Coussios, Georgios; Gruden, Juliana; Imo, Wolfgang; Korte, Lisa; Rüdiger, Thomas, Ruf-Dördelmann, Antonia; Schön, Michael R; Stier, Sebastian (2016): Von der Pathologie zum Patienten: Optimierung von Wissenstransfer und Verstehenssicherung in der medizinischen Kommunikation. In: Arbeitspapierreihe Sprache und Interaktion (SpIn) 72. (verfügbar unter http://arbeitspapiere.sprache-interaktion.de/arbeitspapiere/arbeitspapier72.pdf)

Bergmann, Jörg/Luckmann, Thomas (1995): Reconstructive Genres of Everyday Communication. In: Quasthoff, Uta M., (Hg.): Aspects of oral communication. Berlin: de Gruyter, S. 289–304.

Boye, Kasper (2016): The Expression of Epistemic Modality. In: Nuyts, Jan; Auwera, Johan van der (Hgg.): The Oxford Handbook of Modality and Mood. Oxford: Oxford University Press, S. 117-140.

Brünner, Gisela (2009): Die Verständigung zwischen Arzt und Patient als Experten-Laien-Kommunikation. In: Norbert Klusen, Anja Fließgarten und Thomas Nebling (Hgg.): Informiert und selbstbestimmt. Der mündige Bürger als mündiger Patient. Baden-Baden: Nomos, S. 170–188.

Deppermann, Arnulf (2015): Wissen im Gespräch: Voraussetzung und Produkt, Gegenstand und Ressource. In: InLiSt - Interaction and Linguistic Structures 57.

Goffman, Erving (2010): Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. 8. Auflage. München/Zürich: Piper.

Groß, Alexandra; Harren, Inga (Hrsg.) (2016): Einleitung: Wissen in institutioneller Interaktion. In: Wissen in institutioneller Interaktion. Frankfurt am Main: Peter Lang, S. 7-25.

Günthner, Susanne; Knoblauch, Hubert (1994): "Forms are the food of faith" : Gattungen als Muster kommunikativen Handelns. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 46, 4, S. 693-723.

Günthner, Susanne; Knoblauch, Hubert (1995): Culturally patterned speaking practices – the analysis of communicative genres. In: Pragmatics. International Pragmatics Association 5, S. 1–32.

Günthner, Susanne; König Katharina (2016): Kommunikative Gattungen in der Interaktion: Kulturelle und grammatische Praktiken im Gebrauch. In: Deppermann, Arnulf;  Feilke, Helmuth; Linke, Angelika (Hgg.): Sprachliche und kommunikative Praktiken. Berlin, Boston: de Gruyter, S. 177-204.

Heritage, John (2012): Epistemics in action: action formation and territories of knowledge. Research on Language and Social Interaction 45, S. 1–29.

Heritage, John (2013): Epistemics in Conversation. In: Sidnell, Jack/Stivers, Tanya, (Hgg.): The Handbook of Conversation Analysis. Malden: Wiley-Blackwell, S. 370–394.

Linell, Per (2009): Rethinking language, mind and world dialogically: interactional and contextual theories of human sense-making. Charlotte, NC: Information Age Publishing.

Linell, Per (2012): Zum Begriff des kommunikativen Projekts. In: Ayaß, Ruth/Meyer, Christian (Hg.): Sozialität in Slow Motion. Theoretische und empirische Perspektiven. Wiesbaden: Springer VS, S. 71-79. 

Nuyts, Jan (2001): Epistemic modality, language, and conceptualization. Amsterdam: John Benjamins.

Selting et al. (2009): Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem 2 (GAT2). In: Gesprächsforschung – Online-Zeitschrift zur verbalen Interaktion (10), S. 353–402.