Wie Schrift die Zeitlichkeitsbedingungen von Interaktion verändert: Theoretische und methodische Probleme bei der Analyse von schriftlicher und schriftbezogener Interaktion

Michael Beißwenger
12.09.2018, 09.45 Uhr-10.05 Uhr, S06 XX, Symposium III

Mündliche, interaktionale Sprachverwendung vollzieht sich unter Bedingungen einer synchronisierten wechselseitigen Wahrnehmung der beteiligten Parteien (Auer 2000; Fiehler et al. 2004: Kap. 3; Deppermann 2017: 15). Monologische, geschriebene Sprache ist hingegen Bedingungen der ‚Zerdehnung’ (sensu Ehlich 1983, 1994) unterworfen: Die Rezeption sprachlicher Äußerungen erfolgt hier im zeitlichen Nachhinein zur Produktion und auf der Grundlage eines sprachlichen Produkts, das typischerweise keine Spuren der Verbalisierungsprozesse mehr erkennen lässt, deren Resultat es bildet; Inskriptions-, Rezeptions- und Obligationszeit fallen systematisch auseinander (Liedtke 2009).

Einen für interaktionslinguistische Untersuchungen spannenden – und zugleich theoretisch und methodisch herausfordernden – Fall bilden solche Formen, in denen der Umgang mit Schriftlichkeit einen Bestandteil mündlich realisierter Interaktion bildet oder in denen Interaktion gänzlich im Medium der Schrift organisiert wird. Für solche Formen ist charakteristisch, dass die in ihr genutzten schriftlichen Ressourcen und Formate die Zeitlichkeitsbedingungen der Interaktion in charakteristischer Weise verändern. Am deutlichsten wird dies in der schriftlichen internetbasierten Kommunikation, die in jüngerer Zeit ein verstärktes Interesse der Interaktionalen Linguistik auf sich gezogen hat (Imo 2013, 2015, 2017; König 2015). Für die schriftliche internetbasierte Kommunikation ist charakteristisch, dass selbst bei zeitgleicher Orientierung der Beteiligten auf die Teilhabe am Interaktionsprozess (Chat) von einer systematischen Ungleichzeitigkeit der Wahrnehmung des Stands der Interaktion auszugehen ist (Beißwenger 2007) – eine Tatsache, die in der Literatur bisweilen als ‚Quasi-Synchronie’ beschrieben wurde (Garcia & Baker Jacobs 1999, Dürscheid 2005, 2016) und die auch in der Konzeptualisierung interaktionaler Schriftlichkeit als ‚interaktionsorientiertes Schreiben’ (Storrer 2013, 2018) treffend Ausdruck findet. Die Prozessualität solcher schriftlichen Interaktionsereignisse lässt sich ohne Einbeziehung von Daten zu individuellen, interaktionsbezogenen (aber nicht unmittelbar interaktional manifesten) Aktivitäten der Akteure nur eingeschränkt analytisch rekonstruieren; für die Analyse der Spezifik von Praktiken, die sich unter den medialen und materialen Bedingungen internetbasierter Kommunikation herausbilden, haben gespeicherte Verläufe von Interaktionsbeiträgen („Logfiles“) nicht denselben Status wie Transkripte für die Analyse mündlicher Interaktion (Beißwenger 2009, 2016).

Ein weiteres Beispiel bilden Formen des kooperativen Schreibens und hier insbesondere die ‚konversationelle Schreibinteraktion’ (Dausendschön-Gay et al. 1992; Lehnen 2000, 2003, Beißwenger 2017), bei der mündliche Interaktion (empraktisch) dem gemeinsamen Verfassen eines schriftlichen Textes dient. Auch für solche Interaktionen lässt sich zeigen, dass, bedingt durch individuelle Lese-, Planungs- und Formulierungsaktivitäten, die Sichten der Akteure auf den Stand der Interaktion nicht immer konvergieren und dass die interaktional manifesten Verhaltensäußerungen für eine kohärente qualitative Analyse der Interaktion nicht immer ausreichen.

Im Vortrag werden videografierte und transkribierte Datenbeispiele aus den Forschungsfeldern Internetbasierte Kommunikation und Kooperatives Schreiben präsentiert. Anhand der Beispiele wird diskutiert, wie sich die Effekte der charakteristischen Zeitlichkeitsbedingungen in der Interaktion mit und durch Schrift empirisch und analytisch fassen lassen. Dabei werden einerseits Fragen des Informationswerts unterschiedlicher Datentypen und der Gewinnung geeigneter Analysekategorien thematisiert und andererseits Möglichkeiten der Erweiterung der interaktionsanalytischen Perspektive um Rekonstruktionen zu individuellen Schreib-, Lese- und Planungsaktivitäten der beteiligten Akteure diskutiert.

 

Literatur
Auer, Peter (2000): On line-Syntax – oder: was es bedeuten könnte, die Zeitlichkeit der mündlichen Sprache ernst zu nehmen. In: Sprache und Literatur 85, 43–56.

Beißwenger, Michael (2007): Sprachhandlungskoordination in der Chat-Kommunikation. Berlin, New York: de Gruyter (Linguistik – Impulse & Tendenzen 26).

Beißwenger, Michael (2009): Multimodale Analyse von Chat-Kommunikation. In: Karin Birkner & Anja Stukenbrock (Hg.): Die Arbeit mit Transkripten in Fortbildung, Lehre und Forschung. Mannheim: Verlag für Gesprächsforschgung, 117–143. http://www.verlag-gespraechsforschung.de/2009/birkner.htm.

Beißwenger, Michael (2016): Praktiken in der internetbasierten Kommunikation. In: Arnulf Depperman, Helmuth Feilke & Angelika Linke (Hg.): Sprachliche und kommunikative Praktiken. Jahrbuch 2015 des Instituts für Deutsche Sprache. Berlin/New York: de Gruyter, 279–310.

Beißwenger, Michael (2017): Sprechen, um zu schreiben: Zu interaktiven Formulierungsprozessen bei der kooperativen Textproduktion. In: Yüksel Ekinci, Elke Montanari & Lirim Selmani (Hg.): Grammatik und Variation. Heidelberg: Synchron Verlag, 161–174.

Dausendschön-Gay, Ulrich; Gülich, Elisabeth; Krafft, Ulrich (1992): Gemeinsam schreiben. Konversationelle Schreibinteraktionen zwischen deutschen und französischen Gesprächspartnern. In: Hans P. Krings & Gerd Antos (Hrsg.): Textproduktion. Neue Wege der Forschung. Trier: WVT, 219–256.

Deppermann, Arnulf (2007): Grammatik und Semantik aus gesprächsanalytischer Sicht. Berlin/New York: de Gruyter (Linguistik – Impulse & Tendenzen 14).

Dürscheid, Christa (2005): Medien, Kommunikationsformen, kommunikative Gattungen. In: Linguistik online 22 (1). https://bop.unibe.ch/linguistik-online/article/view/752/1283

Dürscheid, Christa (2016): Neue Dialoge – alte Konzepte? Die schriftliche Kommunikation via Smartphone. In: Zeitschrift für germanistische Linguistik 44 (3), 437–468.

Ehlich, Konrad (1983): Text und sprachliches Handeln. Die Entstehung von Texten aus dem Bedürfnis nach Überlieferung. In: Aleida Assmann/Jan Assmann (Hg.): Schrift und Gedächtnis. München: Wilhelm Fink, 24–43.

Ehlich, Konrad (1994): Funktion und Struktur schriftlicher Kommunikation In: Hartmut Günther/Otto Kruse (Hg.): Schrift und Schriftlichkeit. Band 2.  Berlin/New York: de Gruyter, 18–41.

Fiehler, Reinhard; Barden, Birgit; Elstermann, Mechthild; Kraft, Barbara (2004): Eigenschaften gesprochener Sprache. Theoretische und empirische Untersuchungen zur Spezifik mündlicher Kommunikation. Tübingen: Narr.

Garcia, Angela Cora; Baker Jacobs, Jennifer (1999): The Eyes of the Beholder: Understanding the Turn-Taking System in Quasi-Synchronous Computer-Mediated Communication. In: Research on Language and Social Interaction 32 (4), 337–367.

Imo, Wolfgang (2013): Sprache in Interaktion. Analysemethoden und Untersuchungsfelder. Berlin/New York: de Gruyter.

Imo, Wolfgang (2015): Vom Happen zum Häppchen … Die Präferenz für inkrementelle Äußerungsproduktion in internetbasierten Messengerdiensten. (Networx 69): http://www.mediensprache.net/de/networx/networx-69.aspx.

Imo, Wolfgang (2017): Interaktionale Linguistik und die qualitative Erforschung computervermittelter Kommunikation. In: Michael Beißwenger (Hg.): Empirische Erforschung internetbasierter Kommunikation. Berlin/New York, 81–108.

König, Katharina (2015): Dialogkonstitution und Sequenzmuster in der SMS- und WhatsApp-Kommunikation. In: Travaux neuchâtelois de linguistique 63, 87–107.

Lehnen, Katrin (2000): Kooperative Textproduktion: zur gemeinsamen Herstellung wissenschaftlicher Texte im Vergleich von ungeübten, fortgeschrittenen und sehr geübten SchreiberInnen. Diss., Universität Bielefeld. Elektronische Ressource: https://pub.uni-bielefeld.de/publication/2301399.

Lehnen, Katrin (2003): Kooperative Textproduktion. In: Otto Kruse/Eva-Maria Jakobs/Gabriele Ruhmann (Hg.): Schlüsselkompetenz Schreiben. Bielefeld: UVW, 147–170.

Liedtke, Frank (2009): Schrift und Zeit. Anmerkungen zu einer Pragmatik des Schriftgebrauchs. In: Elisabeth Birk & Jan Georg Schneider (Hg.): Philosophie der Schrift. Tübingen: de Gruyter, 75–94.

Storrer, Angelika (2013): Sprachstil und Sprachvariation in sozialen Netzwerken. In: Barbara Frank-Job/Alexander Mehler/Tilmann Sutter (Hg.): Die Dynamik sozialer und sprachlicher Netzwerke. Konzepte, Methoden und empirische Untersuchungen an Beispielen des WWW. Wiesbaden: VS, 331–366.

Storrer, Angelika (2018/i.Dr.): Interaktionsorientiertes Schreiben im Internet. In: Arnulf Deppermann (Hg.): Sprache im kommunikativen, interaktiven und kulturellen Kontext. Berlin/New York: de Gruyter, 219–244.