WIDERSPRECHEN: Eine diskursive Praktik. Illustriert an der Widerstandskommunikation gegen den Nationalsozialismus (1933-1945)

Die sprachwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus ist randständig, obgleich die intensivere Auseinandersetzung mit der Widerstandskommunikation seit gut 30 Jahren angemahnt wird (vgl. Kinne 1986: 43-45). Dem programmatischen Aufsatz von Ising (1988) zur „Sprache des anderen Deutschland“ und Maas‘ Untersuchung zur Kommunikation oppositioneller Jugendgruppen (1984: 145-165) sind bisher alle keine größeren Einzeluntersuchungen gefolgt. Schlosser widmet zwar in seiner Monografie „Sprache unterm Hakenkreuz“ (2013) dem Widerstand ein größeres Teilkapitel (ebd.: 343-389), bekennt jedoch, dass er nur eine „kleine Auswahl von Widerstandsäußerungen etwas genauer in den Blick genommen“ habe (ebd.: 345). Zu den zentralen Dokumenten des deutschen Widerstandes, seien es die Flugblätter der Weißen Rose, der Roten Kapelle oder die Denkschriften des Kreisauer Kreises liegen anders als zur Diktatur in der DDR (vgl. Dreesen 2015) somit keine detaillierten Einzelstudien vor. Im Beitrag soll ein Teilausschnitt eines größeren Forschungsprojektes1 zur Widerstandskommunikation gegen den Nationalsozialismus vorgestellt werden, das sich damit beschäftigt, wie Widerstand sprachlich ausgeübt wird, von welchen diskursive Praktiken (i.S.v. Keller 2005; 2015) es bestimmt wird und welche Sprachgebrauchsmuster (i.S.v. Bubenhofer 2009) herausgefiltert werden können.   

Im Beitrag soll insbesondere das WIDERSPRECHEN näher profiliert werden. Obwohl dieses für die Protest-, Konflikt- und Widerstandskommunikation grundlegend ist und eine wesentliche Ausdrucksform von Dissens ist, ist das Interesse an einer umfassenden, auch multimodale Aspekte integrierenden Beschreibung dieser Praktik bisher in Text-, Kommunikations- und Diskursanalyse gering, wenngleich Ansätze dazu in der allerjüngsten Zeit sichtbar werden;2 größere Beiträge gab es zuvor vornehmlich in der Konversationsanalyse (vgl. etwa Spranz-Fogasy 1986). Der Beitrag soll insbesondere klären, was unter WIDERSPRECHEN in der schriftlichen Kommunikation zu verstehen ist. Da WIDERSPRECHEN notwendig eine Bezugs(teil)äußerung voraussetzt, der widersprochen wird, und diese Bezugs(teil)äußerung zumeist auf den öffentlichen Diskurs verweist, beinhaltet eine Untersuchung des WIDERSPRECHENS notwendig auch die Untersuchung, wie Herrschaftsdiskurse und -praktiken aus der Perspektive des/der Widersprechenden konzipiert werden. Die Gestaltung des WIDERSPRECHENS, wie der Vortrag am Beispiel der Widerstandskommunikation im Nationalsozialismus und auf einer breiten Korpusgrundlage verdeutlichen will, ist als eine Nahtstelle zu interpretieren, an der nicht nur die Selbstpositionierungen der unterschiedlichen Widerstandsakteure erkennbar werden, sondern auch ihre je unterschiedliche Indienstnahme dem Nationalsozialismus vorgelagerter (politischer, religiöser …) Traditionen der Faktizitätsherstellung (i.S.v. Felder 2013) und der mit ihnen verbundenen Argumentationstopoi. Die mit dem WIDERSPRECHEN verbundenen Gestaltungsakte sind zwar von Traditionsbeständen abhängig, formen sich jedoch in Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus neu aus.

Die vorgestellte Fallstudie möchte insgesamt die Bedeutsamkeit der ins Zentrum gestellten diskursiven Praktik unterstreichen und ihr Kontextualisierungspotential für gesellschaftliche Transformationen herausarbeiten.

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1Es handelt sich um das von der DFG geförderte Projekt: „Heterogene Widerstandskulturen: Sprachliche Praktiken des Sich-Widersetzens von 1933 bis 1945“
[tps://kw.uni-paderborn.de/institut-fuer-germanistik-und-vergleichende-literaturwissenschaft/germanistische-und-allgemeine-sprachwissenschaft/schuster/forschung/projekte/]

2So auf der Tagung „Diskurs – kontradiktorisch“, die vom 16.-18.11. 2017 in Bremen stattgefunden hat.

 

    

Literatur
Bubenhofer, Noah (2009): Sprachgebrauchsmuster: Korpuslinguistik als Methode der Diskurs- und Kulturanalyse. Berlin/ New York: de Gruyter (Sprache und Wissen; 4).

Dreesen, Philipp (2015): Diskursgrenzen. Typen und Funktionen sprachlichen Widerstands auf den Straßen der DDR. Berlin/ Boston: de Gruyter (Diskursmuster –  Discourse Patterns; 8).

Felder, Ekkehard (2013): Faktizitätsherstellung mittels handlungsleitender Konzepte und agonaler Zentren. Der diskursive Wettkampf um Geltungsansprüche. In: Felder, Ekkehard (Hg.): Faktizitätsherstellung in Diskursen. Die Macht des Deklarativen. Berlin/ Boston: de Gruyter, S. 13-28.

Ising, Erika (1988): Die Sprache im deutschen antifaschistischen Widerstand. In: Zeitschrift für Germanistik 9, S. 404-421.

Keller, Reiner (2005): Wissenssoziologische Diskursanalyse: Grundlegung eines Forschungsprogramms. Wiesbaden: Springer VS.

Keller, Reiner (2015): Die Wissenssoziologische Diskursanalyse im Feld der sozialwissenschaftlichen Diskursforschung. In: Kämper, Heidrun/ Warnke, Ingo (Hg.): Diskurs – interdisziplinär. Berlin, Boston: de Gruyter (Diskursmuster – Discourse Patterns; 6), S. 25-46.

Kinne, Michael (1986): Ein vernachlässigtes Thema: Sprache des antifaschistischen Widerstandes. In: Der Sprachdienst 1/1986, S. 43-45.

Maas, Utz (1984): "Als der Geist der Gemeinschaft eine Sprache fand." Sprache im Nationalsozialismus. Versuch einer historischen Argumentationsanalyse. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Schlosser, Horst Dieter (2013): Sprache unterm Hakenkreuz. Eine andere Geschichte des Nationalsozialismus. Köln: Böhlau.

Spranz-Fogasy, Thomas (1986): ‚widersprechen‘. Zu Form und Funktion eines Aktivitätstyps in Schlichtungsgesprächen. Eine gesprächsanalytische Untersuchung. Tübingen: Gunter Narr Verlag.