Das Europäische Referenzsprachenmodell: Einheit einer Rechtsgemeinschaft in Vielfalt

Claus Luttermann
12.09.2018, 09.00 Uhr-09.45 Uhr, S06 XX, Symposium IV

In Vielfalt geeint: Dieses Motto, das für die Europäische Union seit dem Jahr 2000 gilt, ist für den Prozess der europäischen Integration möglichst bürgernah mit Leben zu füllen. Das Ziel der Union ist, den Frieden, ihre Werte und das Wohlergehen ihrer Völker zu fördern. Dafür errichtet die Union einen Binnenmarkt, der ihren Bürgerinnen und Bürgern „einen Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts ohne Binnengrenzen“ bietet (Art. 3 Abs. 2 Vertrag über die Europäische Union – EUV).

Die Europäische Union ist eine Rechtsgemeinschaft. Sie bildet mit dem Europäischen Recht für über 550 Millionen Menschen den größten Binnenmarkt der Welt. Die Gemeinschaft europäischer Staaten, ursprünglich von sechs Nationen 1957 gegründet, vereint inzwischen durch zahlreiche neue Mitgliedstaaten auch zahlreiche Sprachen. Die Europäische Union hat bei derzeit 28 Mitgliedstaa­ten 24 Amtssprachen, die administrativ adäquat einge­bunden sein müssen. Das bedeutet für die derzeitige Praxis: Grundsätzlich wird – weltweit einzigartig – jeder Rechtsakt (Verordnung, Richtlinie etc.) in jeder Amtssprache gesetzt und jede dieser vierundzwanzig Fassungen gilt gleichermaßen als authentisch im Rechtsverkehr.

Ein fragliches Unterfangen, selbst mit dem größten Übersetzungsdienst der Welt. In der Praxis entstehen – weithin unbemerkt bzw. unbeachtet – erhebliche Schieflagen. Im Grunde geht es um die Idee der Gerechtigkeit und angesichts gewaltiger globaler Umbrüche (Brexit, Digitalisierung, Multipolarisierung) um unsere Zukunft und Stimme in der Welt. Recht wird sprachlich vermittelt. Rechtsstaatlichkeit, Wettbewerbsgleichheit und Frieden werden sprachlich etabliert. Dafür bietet das Europäische Re­ferenz­spra­chenmodell eine Basis, um interdisziplinär die Einheit unserer Rechtsgemeinschaft in Vielfalt zu sichern.

 

Literatur
Luttermann, Claus (1998), Der Sinn für das Europäische Recht: Eine zukunftsträchtige Aufgabe. Juristenzeitung (JZ). 53: 880-884.

Luttermann, Claus und Karin Luttermann (2004), Ein Sprachenrecht für die Europäische Union: Rechtssprachenvergleich und Referenzsprachenmodell als Integrationsansatz. Juristenzeitung (JZ). 59: 1002-1010.

Luttermann, Karin und Claus Luttermann (im Druck), Europäische Mehrsprachigkeit und Referenzsprachenmodell: Eine rechtslinguistische Lösung für die Einheit in Vielfalt. In: Karin Luttermann, Kerstin Kazzazi, Claus Luttermann (Hrsg.), Individuelle und institutionelle Mehrsprachigkeit. Münster, Berlin, London.