Vom Selbstverständlichen zum Unbedachten: Linguistic Landscapes und Spracheinstellungen im rumänischen Banat

Sabina De Carlo
12.09.2018, 14.45 Uhr-15.05 Uhr, S06 XX, Symposium II

Historisch bedingt ist die Banater Region im Südwesten Rumäniens mehrsprachig, wobei fünf größere Gruppen dominieren (Rumänisch, Ungarisch, Serbisch, Romanes und Deutsch). Vor allem durch Migrationsprozesse bedingt, befindet sich die Region seit längerem in einem sprachlichen Transformationsprozess und die deutsche Sprache steht in ihrem gesellschaftlichen und institutionellen Selbstverständnis zur Debatte (De Carlo 2017). Der nicht akademische Diskurs scheint sich wesentlich auf Tradition und Verlust einer (Sprach)kultur zu konzentrieren (z.B. Vultur 2018). Die Diskussion innerhalb der Auslandsgermanistik beschäftigt sich vor allem mit notwendigen Anpassungen von Studiengangsprofilen an ein verändertes Publikum (Middeke / Tichy 2017).

Demgegenüber ist der Ansatz der Linguistic Landscapes mit dem Potential einer funktionalen Sprachbetrachtung verbunden (Gorter 2013). Der Ansatz wurde in einem Laborseminar zur deutschen Sprache aufgegriffen und als Ausgangspunkt für eine Strukturierung gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit in Temeswar (Banat) genutzt. Beginnend mit der den Studierenden relativ vertrauten visuellen Mehrsprachigkeit im öffentlichen Raum, wurde in einem zweiten Schritt anhand von vier Kulturveranstaltungen nach unterschiedlichen Funktionen von Mehrsprachigkeit wie z.B. Verständigung, Ausdruck von Internationalität oder öffentliche Präsenz von Sprachen gefragt. Dabei wurde Deutsch als eine Sprache unter anderen bestimmt.

Der damit zur Verfügung stehende strukturierte Blick auf eine als selbstverständlich erachtete Mehrsprachigkeit im öffentlichen Raum wurde in einem dritten Schritt mit Sprachbiografien und Spracheinstellungen der Studierenden verbunden. Mit Spracheinstellungen als „multifaktorielle Bündel von kognitiven und affektiven Merkmalen und Verhaltensbündel“ (Neuland 2016) kann erst, so die These des Vortrags, ein Verständnis dafür entstehen, wie man einer alltäglichen Mehrsprachigkeit im öffentlichen Raum tatsächlich begegnet und welche Bedeutung sie für einen hat. Umgekehrt dient der funktionale Ansatz der Linguistic Landscapes der Reflexion über eigene Urteile und mentale Dispositionen gegenüber Sprachen. Die Verknüpfung der beiden Ansätze ermöglicht entsprechend eine stärkere Aufmerksamkeit für Sprachgebrauch und Sprachentwicklung.

 

Literatur
De Carlo, S. (2017): Deutsch als Fremdsprache im Banat: Unterricht zwischen Tradition und praktischem Nutzen. In Dejica, Daniel / Cernicova-Bucă, Mariana (Hrsg.): Professsional Communication and Translation Studies Volume 10. Timişoara: Politehnica University Press, 186-195.

Gorter, D. (2013): Linguistic Landscapes in a Multilingual World. Annual Review of Applied Linguistics 33, 190–212.

Middeke, A. / Tichy, E. (2017): Curriculareformen und neue Anforderungen an Germanistik- / DaF-Dozentinnen und –Dozenten im nicht-deutschsprachigen Ausland am Beispiel Rumäniens. In: Informationen Deutsch als Fremdsprache Info DaF, 44/1, 101-116.

Neuland, Eva (2016): Deutsche Schülersprache. Sprachgebrauch und Spracheinstellungen Jugendlicher in Deutschland. Sprache – Kommunikation – Kultur. Soziolinguistische Beiträge Band 20. Frankfurt a.M u.a.: Peter Lang.

Vultur, S. (2018): Germanii din Banat prin povestirile lor. Bucureşti: Polirom.