Verständlich eindeutig verantwortlich?! Zur Konstitution und Kommunikation von Sachverhalten in Texten von professionellen Beteiligten in Kindschaftsverfahren

Margret Mundorf
12.09.2018, 16.45 Uhr-17.30  Uhr, S06 XX, Symposium IV

Wie sehr Sprache wirklichkeitskonstitutiv und wirkmächtig ist, zeigt sich deutlich im Handlungsfeld des Rechts. Schriftliche Texte spielen dort eine zentrale Rolle: Vor der mündlichen Verhandlung in zivilrechtlichen Rechtsfindungsverfahren steht die „juristische Textarbeit“ (Felder 2003) mit einem Textgeflecht aus verschiedenen Textsorten (Busse 2000). Dabei werden nicht nur Normtexte, Gesetzestexte, Kommentare, Verordnungen und Richtlinien ausgelegt und interpretiert. Als Textarbeit muss „Rechtsarbeit“ (Müller 1994) auch die außerjuristische Wirklichkeit erfassen, selektieren, interpretieren und in Beziehung zu rechtlichen Normtexten setzen (Busse 1992). Texte sind in juristischen Verfahren somit Teil komplexer Konstruktions- und kommunikativer Aushandlungsprozesse und als solche dem Richterspruch vorgeschaltet. Der rechtlich relevante Sachverhalt ist somit nicht ‚gegeben‘: Er wird erarbeitet, der „Fall“ erst „zubereitet“ (Jean d’Heur 1998).

Der rechtslinguistische Beitrag untersucht anhand von Fallbeispielen aus textlinguistischer Sicht, wie an Kindschaftsverfahren beteiligte Expert*innen Sachverhaltsbestände zur Lebenswelt der betroffenen Minderjährigen textlich-schreibend konstituieren und kommunizieren. In familiengerichtlichen Verfahren zu Kindschaftssachen werden etwa Fragen der elterlichen Sorge, des Aufenthalts und des Umgangs geregelt. Die Herstellung juristisch relevanter Sachverhalte bezieht sich referenziell auf Kinder. Deren außerjuristische Lebenswelt wird vor einer richterlichen Entscheidung von juristischen und nicht-juristischen Expert*innen textlich erfasst, beschrieben, gedeutet und gewertet. Dieser Prozess der Konstitution und Interpretation von Wirklichkeit teilt sich mit z. B. in Gesprächsprotokollen, Vermerken, Berichten und Stellungnahmen von Jugendämtern und Verfahrensbeiständen oder in Gutachten von hinzugezogenen psychologischen Sachverständigen. Die beteiligten Fachkräfte sind auf das Wohl der betroffenen Kinder verpflichtet und tragen in diesem Sinne eine Verantwortung, die sich in der sprachlich-textlichen Erkenntnis, im Ausdruck und der Kommunikation der wahrgenommenen und gedeuteten Wirklichkeit vollzieht. Vor diesem Hintergrund werden folgende Fragen untersucht:

  • Sind die Texte verständlich hinsichtlich Syntax, Lexik, Gliederung und Prägnanz?
  • Wie wird auf Sachverhalte Bezug genommen? Wie werden diese perspektiviert? Welche Rolle spielen Auswahl, Nachprüfbarkeit und Korrektheit?
  • Wie werden sicheres und unsicheres, eindeutiges und uneindeutiges, selektives und widersprüchliches Wissen sowie emotionale Färbungen kenntlich gemacht?
  • Welche Positionen, welche Selbstaussagen lassen die Textproduzent*innen erkennen?
  • Welche Sprechhandlungstypen werden wie verwendet?
  • Wie werden Quellen und intertextuelle Bezüge referenziert?

Die Ergebnisse der Fallanalyse geben Impulse für Aus- und Weiterbildung von im Familienrecht tätigen Berufsgruppen: Um die Voraussetzungen und Kompetenzen für eine verständliche, eindeutig-korrekte, nachprüfbare und verantwortliche ‚Arbeit mit der Sprache‘ und ‚Arbeit an der Sprache‘ (Wimmer 2009) zu verbessern. Und als Voraussetzung für die an Sprache gebundene „Verständigung darüber, was Recht und was rechtens ist.“ (Lerch 2005)