Überlegungen zu Funktion und Typologie mehrsprachiger Beschilderung in der Südtiroler Sprachlandschaft

Karl Gerhard Hempel
12.09.2018, 15.05 Uhr-15.25 Uhr, S06 XX, Symposium II

Obschon die mehrsprachige Beschilderung in Südtirol ein besonders ins Auge stechender Aspekt der Sprachsituation in Südtirol ist, gibt es bisher nahezu keine Untersuchungen zur dortigen Sprachlandschaft (Linguistic Landscape). In den wenigen bisher publizierten Studien wird vor allem herausgestellt, dass die Beschilderung im Allgemeinen als sichtbarer Ausdruck einer paritätischen Sprachenpolitik mit eher symbolischer als informativer Funktion aufgefasst werden kann (Dal Negro 2009), während Aspekte, die für die Kommunikation von Bedeutung sind, wie etwa die Lesbarkeit bei der Gestaltung der Schilder eher vernachlässigt werden (Dal Negro u.a. 2007).

Die Linguistic Landscape Südtirols bietet aber Ansatzpunkte für zahlreiche weitere methodische Überlegungen, wobei im Vortrag vor allem die "holistische" Untersuchungsmethode (Sebba 2012) auf ihre Anwendbarkeit hin getestet werden soll, die der wissenschaftlichen Betrachtung verbale und nichtverbale Gesichtspunkte der Gestaltung der Schilder (visuelles und inhaltliches Verhältnis zwischen den Textteilen in verschiedenen Sprachen, Vorhandensein bzw. Fehlen gemischtsprachiger Teile) zugrunde legt. Dabei zeigt sich für Südtirol in der Regel eine rigide Parallelität und Trennung zwischen dem Deutschen und dem Italienischen, welche sich durch besondere grafische Konventionen auszeichnet und die als Verweis auf die strikte Zweisprachigkeit des Landes verstanden werden kann. Andererseits ist aber – insbesondere bei nicht von offizieller Seite angebrachten Schildern und Aufschriften – auch eine Tendenz zur kombinierten oder komplementären Verwendung von Deutsch und Italienisch sowie zur Benutzung des Englischen als Lingua Franca zu beobachten. Dies deutet darauf hin, dass die Südtiroler Sprachlandschaft trotz einer vorwiegenden Tendenz zum Bilinguismus mit eigenen Regeln insgesamt eher als translingualer Raum angesehen werden kann, in dem verschiedene Sprachressourcen gleichzeitig eingesetzt werden.

 

Literatur
Dal Negro, Silvia / Lensink, Wilco / Upmeier, Christian / Volonté, Paolo (2007): “Visual communication in a multilingual context”. In: LiLi - Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, 148, 113-131.

Dal Negro, Silvia (2009): “Local policy modeling the linguistic landscape”. In: Shohami, Elana / Gorter, Durk (eds): Linguistic Landscape. Expanding the Scenery, New York: Routledge, 206-218.

Sebba, Mark (2012): “Multilingualism in Written Discourse: an Approach to the Analysis of Multilingual Texts”. In: International Journal of Bilingualism 17, 1, 97-118.