Thematische und argumentative Strukturen in den Kommentarforen zu Online-Zeitungsartikeln. Eine Analyse am Beispiel des digitalen Diskurses zur Bologna-Reform

Janja Polajnar/Tanja Škerlavaj
13.09.2018, 13.15 Uhr-14.00 Uhr, S06 XX, Symposium VIII

Der sprachenübergreifende Diskurs zur Bologna-Reform und zur Schaffung eines Europäischen Hochschulraums ist das bildungspolitische Thema seit 1999, das in zahlreichen Nationalstaaten unter Beteiligung vieler Akteure in Europa kontrovers verhandelt wurde. Dieses brisante Thema wurde in slowenischen und deutschen Tageszeitungen im Hinblick auf Schlüsselwörter, Metaphern und Argumentationsmuster in einem internationalen Projekt für den Zeitraum 1999-2013 untersucht, um die in diesen beiden Gemeinschaften diskursiv erzeugten Wissensformationen sowie kulturspezifischen Sichtweisen zum Bologna-Prozess und dessen Zielen zu verdeutlichen.

Im vorliegenden Beitrag wird der Fokus hingegen auf die Verhandlung dieses gesamtgesellschaftlich relevanten Themas in den letzten Jahren in den neuen Medien gelegt, indem Online-Zeitungsartikel und die darauf bezogenen Postings in Kommentarforen (Weidacher 2017) im Hinblick auf thematische Strukturen und Argumentationsmuster analysiert werden. Für prototypische Online-Texte stellt Weidacher (2017: 158-159) aufgrund der medialen Prägung des Internets folgende typische Merkmale fest: Hypertextualität, Multimodalität, Fluidity, Verschwimmen der Textgrenzen und Dialogizität. Hierbei sind es vor allem die Dialogizität bzw. Partizipation sowie die Anonymität und der Zwang zur Kürze, die sprachlich-formale, aber auch thematische und argumentative Gestaltung der Postings in Kommentarforen wesentlich prägen. Indem die Poster einerseits die Online-Artikel und andererseits andere Postings kommentieren, entsteht eine Kombination zwischen einer massenmedialen und interpersonalen Diskursrealisation (vgl. Roth 2008). Weidacher geht „im Falle von Postings in einem Kommentarforum von extern dialogisch verknüpften Texten [aus] [...], die zugleich Teiltexte eines intern dialogisch strukturierten komplexen Textes, des Forums nämlich, sind“ (Weidacher 2017: 163). Im folgenden Beitrag soll deshalb die Auswirkung der medialen Prägung auf die thematische und argumentative Strukturierung erarbeitet (und visualisiert) werden, was bisher in wissenschaftlichen Arbeiten relativ selten thematisiert wurde (vgl. Große 2015).

Zunächst soll in der thematischen Analyse der komplexe Thematisierungs-/Wissensraum, der in Online-Artikeln und den darauf bezogenen Kommentarforen entsteht, erschlossen werden. Anschließend werden die Foren-Interaktionsteilnehmer als Diskursakteure und die von ihnen vorgebrachten Argumentationsmustern fokusiert, denn laut Spieß (2011: 524) operieren Akteure mittels Argumentationsmustern gezielt und strategisch, »um von ihren Positionen zu überzeugen, diese im Meinungskampf durchzusetzen und ihre Ziele zu erreichen«. Ziel eines solchen Vorgehens ist es, an einem noch begrenzten empirischen Datenausschnitt einige Tendenzen über die Dynamik thematischer Räume und die Struktur der genutzten Argumentationsmuster in den Kommentarforen zu Online-Artikeln über die Bologna-Reform vorzuzeigen. Abschließend wird in einem Ausblick auf eine mögliche kultur-kontrastive Analyse der Kommentarforen im deutschen und slowenischen digitalen Diskurs zur Bologna-Reform hingewiesen, die im Rahmen des wissenschaftlichen Netzwerks »Diskurse – digital: Theorien, Methoden, Fallstudien« geplant ist.

 

Literatur
Große, Sybille (2015): Kommentare politischer Blogs – Interaktion zwischen Konvention und sprachlicher Freiheit. Blog Generación Y. In: Rentel, Nadine/Schröder, Tilman/Schröpf, Ramona (Hrsg.): Kommunikative Handlungsmuster im Wandel? ¿Convenciones comunicativas en proceso de transformación? Chats, Foren und Dienste des Web 2.0 im deutsch-spanischen Vergleich. (Studien zur Translation und interkulturellen Kommunikation in der Romania; 3). Frankfurt a. M.: Peter Lang.

Roth, Kersten Sven (2008): Interpersonale Diskursrealisationen – Überlegungen zu ihrer Integration in die diskurssemantische Forschung. In: Warnke, Ingo H./ Spitzmüller, Jürgen (Hrsg.): Methoden der Diskurslinguistik. Sprachwissenschaftliche Zugänge zur transtextuellen Ebene. Berlin/ New York, 323–358.

Spieß, Constanze (2011): Diskurshandlungen. Theorie und Methode linguistischer Diskursanalyse am Beispiel der Bioethikdebatte. Berlin/ Boston: de Gruyter.

Weidacher, Georg (2017): Textsorten als dynamische, medial geprägte kommunikative Praxen. Diskussion eines medienlinguistischen Textsortenbegriffs anhand der exemplarischen Analyse von Postings in Kommentar- und Diskussionsforen. In: Bilut-Homplewicz, Zofia/Hanus, Anna/Mac, Agnieszka (Hrsg.): Medienlinguistik und interdisziplinäre Forschung I. Textsortenfragen im medialen Umfeld. (Studien zur Text- und Diskursforschung; 15). Frankfurt a. M.: Peter Lang.