Wandel der Protestkommunikation: Sprache-Medien-Modalitäten

Symposium im Rahmen des GAL-Kongresses 2018

Leitung: Mark Dang-Anh (Siegen), Dorothee Meer (Bochum), Eva L. Wyss (Koblenz-Landau)

Protestieren bedeutet, öffentlich einem Widerspruch Ausdruck zu verleihen, ein Zeugnis der eigenen Überzeugung abzulegen oder für etwas einzustehen. Proteste sind somit ein inhärenter Teil des gemeinschaftlichen Zusammenlebens (in rechtsstaatlichen Gesellschaften?). Sprachliche wie nicht-sprachliche öffentliche Kommunikation ist Mittel zum Ausdruck und zur Durchführung von Protest. Dabei haben sich die Praktiken der Protestkommunikation, d. h., wie Menschen protestieren, mit der Zeit verändert. Gerade die rezenten Entwicklungen der digitalen Medien fordern die Erforschung der Protestkommunikation vor dem Hintergrund ihres Wandels heraus und diversifizieren das Feld der für die linguistische Protestforschung relevanten Daten und anzuwendenden Methoden. Zwar hat in den letzten zehn Jahren der Zusammenhang zwischen unterschiedlichen politischen Praxisbereichen und der linguistischen Erforschung von Sprache durch eine zunehmende Institutionalisierung linguistischer Forschung zum politischen Sprachgebrauch deutlich an Gewicht gewonnen. Dennoch finden sich bisher kaum linguistische Untersuchungen, die sich dezidiert mit Fragen der Relevanz sprachlicher und bildlicher Konstitutionsformen politischen Protests, deren Medialitäten und Modalitäten empirisch gestützt auseinandersetzen. Dabei liegen gerade Formen des politischen Protests im Schnittbereich unterschiedlicher linguistischer Fragestellungen, die aus wissenschaftlicher Perspektive hochaktuell sind:

  • Grundlegende theoretische Überlegungen zu der Frage, was Protest ist und in welchem Verhältnis Protest und Subversion in unterschiedlichen Gesellschaftssystemen zu einander stehen.
  • Kulturelle Praktiken und mediale Realisierung politischen Protests und Protestkommunikation unter Nutzung von Mailinglisten, Webseiten, sozialen Medienplattformen, Wikis, Blogs oder Chatgruppen.
  • Sprach- und kulturtheoretische Fragen der sprachlichen multimodalen Artikulation von „agency“ (Butler 2003) und Positionierung.
  • Fragen der multimedialen Konstitution politischen Protests unter Nutzung weiterer semiotischer Modalitäten wie Bilder, Selfies oder Filmsequenzen.
  • Schriftliche Aushandlungsformen politischer Aktionen oder Reaktionen durch die Kombination unterschiedlicher medialer Formen der Realisierung politischen Protests.
  • Gesprächs- und konversationsanalytische Untersuchungen mündlicher Aushandlungsformen im Rahmen von Protestgruppen.
  • Kommunikative, körperliche und materiale Praktiken des Protests jenseits einer Schriftlichkeits-/Mündlichkeitsdichotomie.
  • Methodologische Beiträge und die Darstellung und Anwendung unterschiedlicher Methoden(-kombinationen) der linguistischen Protestforschung.

Konkret geht es uns im Rahmen des vorliegenden Symposiums um Beiträge, die sich aus empirischer Perspektive mit Fragen im Umfeld der Erforschung politischen Protests beziehen. Auch Beiträge zur Medienberichterstattung über Proteste und Protestbewegungen sind in diesem Zusammenhang denkbar. In jedem Fall soll auf die Beschränkung methodischer Zugänge zu Phänomenen politischen Protest gezielt verzichtet werden, um jenseits methodenspezifischer Grenzen gerade auch Formen der Vernetzung unterschiedlicher Protestaktivitäten diskutieren zu können.

Als Vortragende konnten wir bisher bereits folgende Kolleg/inn/en gewinnen:

  • Mark Dang-Anh (Titel: „Situierte Protestkommunikation“),
  • Hajo Diekmannshenke (Titel: „Subversion als eine spezifische Form des Protests“)
  • Heidrun Kämper (Titel: „Protest als sprachliches Umbruchphänomen der späten1960er Jahre“) und
  • Jürgen Spitzmüller & Christian Bendl (Titel: „Protest als mediatisierte Sinnstiftungspraktik. Das Beispiel Identitäre Bewegung Österreich“).

Geplant ist für das Symposium, vier weitere 30-minütige Vorträge (mit jeweils daran anschließenden 15-minütigen Diskussionseinheiten) zu vergeben. Vor diesem Hintergrund würden wir uns sehr freuen, wenn Sie sich mit einem Abstract bis zum 01.04.2018 für einen dieser Beitrag bei uns bewerben würden.

Bitte beachten Sie dabei, dass die Einreichung von Beitragsvorschlägen über das Konferenzmanagementsystem ConfTool, das Sie über http://www.conftool.com/gal-2018/ erreichen, erfolgt. Bitte senden Sie Ihren Beitragsvorschlag NICHT, wie in den Vorjahren, per E-Mail an die GAL-Geschäftsstelle. Um einen Beitrag via ConfTool einzureichen, müssen Sie in ConfTool zunächst eine Benutzerkennung erstellen (Link "Neu anmelden" auf der Startseite). Nach Anmeldung im System können Sie Ihren Beitragsvorschlag im System hochladen und dem gewünschten Symposium zuordnen. Nach Ende des Auswahlverfahrens werden Sie von uns, den Symposiums-OrganisatorInnen darüber informiert, ob Ihr Beitrag angenommen wurde.

Die Frist für die Einreichung von Beitragsvorschlägen zum Symposium ist der 01.04.2018

Eine Anleitung zur Anreichung von Beitragsvorschlägen via ConfTool finden Sie hier.

 

Literatur:

Baringhorst, Sigrid (2009): Politischer Protest im Netz – Möglichkeiten und Grenzen der Mobilisierung transnationaler Öffentlichkeit im Zeichen digitaler Kommunikation. In: Frank Marcinkowski und Barbara Pfetsch (Hg.): Politik in der Mediendemokratie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 609–634.

Butler, Judith (2003): Kritik der ethischen Gewalt. Adorno Lectures, 2002. Frankfurt am Main: Institut fiir Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität.

Dang-Anh, Mark (2017): Die interaktionale Konstitution einer synthetischen Protestsituation. In: Heidrun Kämper und Martin Wengeler (Hg.): Protest – Parteienschelte – Politikverdrossenheit: Politikkritik in der Demokratie. Bremen: Hempen Verlag (Sprache – Politik – Gesellschaft, 20), S. 133–149.

Deppermann, A. (2015). Positioning. In A. De Fina & A. Georgakopoulo, A. (Hrsg.), The handbook of narrative analysis (S. 369–387). Oxford: Wiley Blackwell.

Fahlenbrach, Kathrin; Klimke, Martin; Scharloth, Joachim (2016): Protest Cultures. A Companion. New York: Berghahn Books (Protest, culture and society, 17).

Grohmann, Miriam/ Kamil Abdulsalam, Layla/ Wyss, Eva L. (2015) Selfie-Proteste – eine emergente Praktik des Protests im Web 2.0. In: Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur. 11. Jahrgang, 2015, Heft 01, S. 21-47. 

Grohmann, Miriam/Kamil Abdulsalam, Layla/Wyss, Eva L. (2015): Selfie-Proteste zwischen Personalisierung und Anonymisierung. In: FJ SB 3/2015, S. 62-72.

Honneth, Axel (1998): Kampf um Anerkennung: Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte, 3rd ed. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Le Page, R. B. & A. Tabouret-Keller (1984). Acts of identity: Creole-based approaches to language and ethnicity. Cambridge: Cambridge University Press.

Martín Rojo, Luisa (2014): Taking over the Square: The role of linguistic practices in contesting urban spaces. In: Journal of Language and Politics 13 (4), S. 623–652. DOI: 10.1075/jlp.13.4.03mar.

Meer, Dorothee (2015): „Zeltdörfer im Burgenland“ – Zur Relevanz von materiellen und sprachlichen Bildern im politischen Diskurs. Eine exemplarische Analyse. In: Knobloch, Clemens/Vogel, Friedemann (Hrsg.): Sprache und Demokratie. Linguistik-Online (Sonderheft).

Rucht, Dieter (2015): Zum Wandel von Protestkulturen. In: Jörg Rössel und Jochen Roose (Hg.): Empirische Kultursoziologie. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 265–290.

Scharloth, Joachim (2011): 1968. Eine Kommunikationsgeschichte. München: Fink.

Spitzmüller, Jürgen (2013). Metapragmatik, Indexikalität, soziale Registrierung: Zur diskursiven Konstruktion sprachideologischer Positionen. In: Zeitschrift für Diskursforschung, (1)3, 263–287.

Spitzmüller, Jürgen; Flubacher, Mi-Cha und Christian Bendl (2017): Soziale Positionierung als Praxis und Praktik. Theoretische Konzepte und methodische Zugänge. Wiener Linguistische Gazette 81 (2017). Universität Wien, Institut für Sprachwissenschaft. (http://wlg.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/p_wlg/812017/wlg-81-2017.pdf, Zugriff am 3.1.2018)

Warnke, Ingo H. (2017): Tahrir Is Not a Square. Wie meta-urbane Protestkommunikate städtische Territorien des Widerspruchs strukturieren. In: Zeitschrift für Semiotik 38 (1-2/2016), S. 65–86.