Sprachliches und fachliches Lernen in der Unterrichtsinteraktion mit neu zugewanderten SchülerInnen

Theresa Birnbaum
13.09.2018, 11.00 Uhr-11.20 Uhr, S06 XX, Symposium X

Neu nach Deutschland zugewanderte SchülerInnen, die ohne oder mit geringen Deutschkenntnissen an die Schulen kommen, sollen möglichst rasch in die Regelklassen integriert werden. Vor diesem Hintergrund stellt sich vor allem die Frage, wie der Deutsch-als-Zweitsprache-Unterricht, der an vielen Schulen in sog. Vorbereitungsklassen erteilt wird, die SchülerInnen bestmöglich auf die sprachlichen und fachlichen Anforderungen des regulären Fachunterrichts vorbereiten kann. Lehrkräfte in Vorbereitungsklassen stehen damit vor der Aufgabe, die SchülerInnen, die häufig mit stark divergierender Schulerfahrung und unterschiedlichen Sprachlernbiographien in einer Lerngruppe lernen, sprachlich zur Teilhabe am Regelunterricht zu befähigen. Das heißt, sie vor allem neben dem Erwerb alltagssprachlicher Kompetenzen bei der Aneignung des für den Schulerfolg relevanten fach- und bildungssprachlichen Registers zu unterstützen. Neben der Berücksichtigung sowohl fachlicher als auch sprachlicher Lernziele bei der Unterrichtsplanung und der entsprechenden Materialauswahl ist hierfür die Gestaltung der Unterrichtsinteraktion – und dabei die Frage, wie fachliches und sprachliches Lernen im Vorbereitungsunterricht verbunden werden können, – ein zentraler Gesichtspunkt.

Im Sinne der Soziokulturellen Theorie der Sprachentwicklung nach Vygotsky wird in diesem Beitrag das schulische Lernen der Zweitsprache sowie in der Zweitsprache als situierte Praxis verstanden, d.h. der hierbei stattfindende Spracherwerb erfolgt in der sozialen Interaktion zwischen Lehrkräften und SchülerInnen beziehungsweise in der peer-to-peer-Interaktion. Dieser Idee folgend verortet sich der Beitrag im Diskurs der Unterrichtsinteraktionsforschung (vgl. u.a. Quasthoff 2015; Heller/Morek 2015; Harren 2015), die untersucht, welche Interaktionsmuster im Unterricht bei der Wissensvermittlung und im Erkenntnisprozess zum Tragen kommen und wie Lehrkräfte ihren Unterricht im Sinne einer Didaktik des „Forderns und Unterstützens“ (Hausendorf/Quasthoff 1996) gestalten können. Ausgehend von Analysen zu vier videographierten Unterrichtsstunden aus dem Projekt "Formative Prozessevaluation in der Sekundarstufe. Seiteneinsteiger und Sprache im Fach" ('EVA-Sek'; vgl. Ahrenholz et al. 2017), welche explizit fachliche Inhalte im Vorbereitungsunterricht thematisieren, soll in diesem Beitrag dargestellt werden, ob und inwiefern Lehrkräfte die Unterrichtsinteraktion sprachförderlich gestalten und inwiefern dies dazu beiträgt, die fach- und bildungssprachlichen Kompetenzen der SchülerInnen frühzeitig anzubahnen. Folgende Forschungsfragen sind erkenntnisleitend:

  • Wie wird die Verbindung fachlichen und sprachlichen Lernens auf der Ebene der Unterrichtsinteraktion sichtbar?
  • Welche Lerngelegenheiten schaffen Lehrkräfte, um die SchülerInnen bei der Entwicklung bildungssprachlicher Kompetenzen zu fordern und zu unterstützen?
  • Welche schüler- und lehrerseitigen Unterstützungsmechanismen können identifiziert werden?

 

Literatur
Ahrenholz, B., Ohm, U. & Ricart Brede, J. (2017). Das Projekt „Formative Prozessevaluation in der Sekundarstufe. Seiteneinsteiger und Sprache im Fach.“ (EVA-Sek). In Fuchs, I., Jeuk, S. & Knapp, W. (Hrsg.), Mehrsprachigkeit: Spracherwerb, Unterrichtsprozesse, Seiteneinstieg. Beiträge zum 11. Workshop „Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund“. Stuttgart: Fillibach bei Klett.

Harren, I. (2015): Fachliche Inhalte sprachlich ausdrücken lernen. Sprachliche Hürden und interaktive Vermittlungsverfahren im naturwissenschaftlichen Unterrichtsgespräch in der Mittel- und Oberstufe. Mannheim: Verlag für Gesprächsforschung.

Hausendorf, H. & Quasthoff, U. (1996). Sprachentwicklung und Interaktion. Eine linguistische Studie zum Erwerb von Diskursfähigkeiten. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Heller, V.; Morek, M. (2015): Unterrichtsgespräche als Erwerbskontext. Kommunikative Gelegenheiten für bildungssprachliche Praktiken erkennen und nutzen. In: forumlecture.ch, S. 1–23.

Quasthoff, U. (2015): Entwicklung der mündlichen Kommunikationskompetenz. In: Becker-Mrotzek, M. und Ulrich, W. (Hg.): Mündliche Kommunikation und Gesprächsdidaktik. Deutschunterricht in Theorie und Praxis DTP. Handbuch zur Didaktik der deutschen Sprache und Literatur in elf Bänden. 3. unveränderte Aufl. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, S. 84–100.