Sprachenvielfalt im monolingualen Habitus: LL-Untersuchung zweier Berliner Märkte

Dai-Ying Lin/Irem Duman
13.09.2018, Poster-Session

Berlin, als eine der größten Metropolen Europas, ist gekennzeichnet durch Multikulturalität und eine große sprachliche Vielfalt. Die multikulturelle Interaktion in verschiedenen Stadtteilen beeinflusst die Spracheinstellungen der Individuen. Mit Hilfe der Linguistic-Landscape-Forschung bieten wir ein sprachliches Bild zwei verschiedener Stadtgebiete, und zwar das Dong Xuan Center (indoor) in Lichtenberg und der Maybachufermarkt (outdoor) in Neukölln. Unser Beitrag beschäftigt sich mit der Kernfrage, wie die Diversität im monolingualen Habitus auf den sichtbaren Sprachgebrauch der Menschen einwirkt. Um diese Frage zu beantworten, kombinieren wir Linguistic-Landscape-Untersuchungen zu Marktschildren mit Interviews und ethnographischen Beobachtungen. Dadurch können wir sprachliche Praktiken im hochdiversen öffentlichen Raum mit Wahrnehmungen sprachlicher Vielfalt und sprachlichen Ideologien in Bezug setzen.

Unsere Studie zeigt, dass neben der deutschen Sprache als lingua franca mehrere andere Sprachen auf den Märkten salient sind. Wie wir in unseren beiden Untersuchungen zeigen, werden diese sprachlichen Ressourcen auf den zwei Berliner Märkten in charakteristischen Mustern von Sprachmischung und variation verwendet, die unterschiedliche Machtverhältnisse und sprachliche Dynamiken reflektieren und unterschiedlich wahrgenommen werden.

Die erste Untersuchung fokussiert die Sprachökologie des asiatischen geprägten Dong Xuan Centers in Lichtenberg. Deutsch wird hier vornehmlich als lingua franca verwendet, zugleich werden unterschiedliche Heritage-Sprachen in einer multilingualen Umgebung bewahrt. Hier zeigt sich eine Tendenz zu Diversität statt Assimilation. Interessanterweise finden sich z.T. Diskrepanzen zwischen den Verteilungen der Heritage-Sprachen auf den Ladenschildern und der Wahrnehmung dieses Linguistic Landscapes durch die LadenbesitzerInnen. So sind Panjabi und Türkisch in Halle 6 die zweitsichtbarsten Sprachen auf den Schildern, sie werden jedoch aus der Wahrnehmungen der LadenbesitzerInnen weitgehend ausgeblendet. Wir führen dies auf Unterschiede der linguistischen Machtverhältnisse und ihre Auswirkung auf einzelne Spracheinstellungen und damit auch kollektive Sprachideologien wie Standardsprachideologie, Ideologie der Nationalsprache und Ideologie des monolingualen Habitus zurück.

Die zweite Untersuchung liefert ein Bild des Maybachufermarktes in Berlin-Neukölln. Der sogenannte „Türkenmarkt“ wird von Menschen mit unterschiedlicher sozialen, kulturellen und sprachlichen Hintergründen genutzt. Diese Vielfalt wird im Linguistic Landscape des Marktes durch unterschiedliche Formen von Mehrsprachigkeit, Sprachmischung und - variation deutlich. Auch wenn das Deutsche auch als hier als lingua franca auftritt und insgesamt dominiert, wird ebenso eine Vielzahl von Heritage-Sprachen sowie weiteren Sprachen verwendet. Der Sprachgebrauch auf Marktschildern und in der mündlichen Kommunikation der VerkäuferInnen mit ihren KundInnen unterscheidet sich aufgrund verschiedener Sprachrepertoires, Bildungsgrade und Marketingstrategien sowie unterschiedlicher Sprachideologien. MarktverkäuferInnen nutzen bzw. mischen diverse sprachliche Ressourcen und verwenden neue Wörter und Wortkombinationen auf den Schildern. Wie die Untersuchung zeigt, ermöglicht der multiethnische Sprachkontakt im urbanen Raum die Verbreitung neuer sprachlicher Varianten, die möglicherweise ein neues „Marktregister“ etablieren.

Bisher existieren nur wenige LL-Studien zum deutschsprachigen urbanen Kontext. Der Vortrag leistet damit durch eine Analyse der Linguistic Landscapes in solchen hochdiversen Kontexten einen Beitrag zu unserem Verständnis sprachlicher Praktiken in diesen öffentlichen Räumen und generell zur Diskussion sprachlicher und ethnischer Diversität, Identität und Zugehörigkeit sowie Sprachideologien in der Gesellschaft.