Spracheinstellungen und sprachliche Praxis im öffentlichen Raum

Claudio Scarvaglieri
12.09.2018, 10.05 Uhr-10.25 Uhr, S06 XX, Symposium II

Der Vortrag diskutiert aus empirischer und methodologischer Perspektive den Zusammenhang zwischen Spracheinstellungen und der sprachlichen Praxis im öffentlichen Raum. Dazu wird die Linguistic Landscape eines Sprachraums herangezogen, der sich am Rande des deutschsprachigen Kerngebietes befindet: die Stadt Biel/ Bienne gilt als größte zweisprachige Gemeinde der Schweiz und liegt quasi unmittelbar auf der Sprachgrenze zwischen dem deutschsprachigen und dem französischsprachigen Teil des Landes. Diese besondere geo- und demographische Situation (s. auch Werlen 2005) lässt Phänomene erwartbar werden, die sowohl der Sprachpraxis im deutschsprachigen Raum als auch Beobachtungen der Auslandsgermanistik (Marten & Saagpakk 2017) entsprechen. In dem Beitrag werden diese Phänomene zunächst dokumentiert, anschließend wird nach Einflussfaktoren gefragt, die die sprachliche Praxis in der Linguistic Landscape prägen. Dabei wird mit dem Konzept der Spracheinstellung (Ajzen 2012) ein Aspekt herausgegriffen, dessen Bedeutung in der Forschung gegenwärtig verstärkt diskutiert wird (vgl. Ziegler et al. im Dr., Scarvaglieri & Pappenhagen 2018). Anhand einer Kampagne für eine zweisprachige Betextung des öffentlichen Raumes in Biel/ Bienne werden Spracheinstellungen, die in der Stadt von Bedeutung sind, herausgearbeitet, anschließend wird untersucht, ob und inwieweit diese Einstellungen die öffentliche Textwelt beeinflussen. Ergänzt wird diese Perspektive durch einen ethnographischen Blick auf die sprachliche Praxis in einzelnen Institutionen der Privatwirtschaft, auf die Außendarstellung der Stadt sowie auf den massenmedialen Diskurs über Sprache in Biel/ Bienne.

Der Vortrag soll damit auch Anlass geben für eine methodologische Diskussion über Möglichkeiten, die Forschung zur Linguistic Landscape so zu ergänzen, dass weitere Faktoren, die die Produktion, Reproduktion und die Entwicklung der Betextung des öffentlichen Raumes beeinflussen, beschrieben und verstanden werden können.

 

Literatur
Ajzen, Icek (2012): Attitudes and persuasion. In Kay Deaux & Mark Snyder (eds.), The Oxford handbook of personality and social psychology, 367–393. Oxford: Oxford Univ. Press.

Marten, H. F. & M. Saagpakk (Hrsg. 2017): Linguistic Landscapes und Spot German an der Schnittstelle von Sprachwissenschaft und Deutschdidaktik. München: Iudicium.

Scarvaglieri, Claudio & Pappenhagen, Ruth (2018): Sprachliche Praxis und Spracheinstellungen in mehrsprachigen Grenzräumen: Fallstudien in Biel/Bienne (CH) und Ústí nad Labem (CZ). In: Schiedermair, Simone (Hg.) Deutsch als Fremd- und Zweitsprache und Kulturwissenschaft. Zugänge zu sozialen Wirklichkeiten. München: Iudicium, 108–132.

Werlen, Iwar (2005) Biel/Bienne - Leben in einer zweisprachigen Stadt. In: Bulletin Suisse de Linguistique Appliquée, H. 82, 5–16.

Ziegler, E. / Schmitz, U. & H.-H. Uslucan (i. Dr.): Attitudes towards visual multilingualism in the linguistic landscape of the Ruhr Area. In: Pütz, M. & N. Mundt (Hrsg.): Expanding the linguistic landscape: Mulitlingualism, language policy and the use of space as a semiotic resource. Bristol: Multilingual Matters.