Sprache und Zeichen in Grenzregionen entdecken: Linguistic landscaping als Möglichkeit gemeinsam voneinander zu lernen – am Beispiel des deutsch-niederländischen Austauschprojektes „Nachbarsprache &

Sars Paul/Sabine Jentges
12.09.2018, 11.45 Uhr-12.05 Uhr, S06 XX, Symposium II

In der deutsch-niederländischen Grenzregion ist es möglich, das Nachbarsprachenlernen mit realen Begegnungen zu verbinden und hierbei außerdem den vermeintlich eigenen und fremden Raum auf unterschiedlichen Ebenen zu erkunden. Das Interreg-Projekt „Nachbarsprache & buurcultuur“ (Laufzeit 2017-2020) will die persönliche Begegnung und den gemeinsamen Lernprozess fördern (vgl. http://www.ru.nl/nachbarsprache/). Kernidee und -ziel des Projektes ist grenzüberschreitendes Lernen an weiterführenden Schulen, und zwar für Schüler und Schülerinnen, Lehrpersonen und Schulmanagement bzw. -leitung, initiiert und wissenschaftlich begleitet von der Radboud Universität in Nimwegen und der Universität Duisburg-Essen.

Im vorgeschlagenen Beitrag wird der Fokus insbesondere auf die im Rahmen der Austausche von Schülerinnen und Schülern stattfindenden Aktivitäten gelegt. Hintergrund hierfür sind die aus dem Pilotprojekt (2016/17) auf Basis von Interviews und Beobachtungsprotokollen gewonnenen Ergebnisse, bei denen sich u.a. zeigte, dass Schüler und Schülerinnen anscheinend ‚naturgemäß‘ neugierig sind und daran interessiert, die Partnerschule und deren Umgebung, also den Wohn- bzw. Schulort, kennenzulernen bzw. umgekehrt die Partnerschüler mit der eigenen Lern- und Lebensumgebung bekannt zu machen. Ausgehend von diesen Erfahrungen wurden in Zusammenarbeit mit Lehrkräften und Studierenden (unter Einbezug des einführenden Textes von Androutsopoulos (2008)) zunächst einzelne Arbeitsblätter und Aufgabenvorschläge für die jeweils anstehende nächste Austauschbegegnung entwickelt, hierunter vor allem auch solches Material, das Erkundungen des schulischen und öffentlichen Raums in der eigenen Umgebung und der der Partnerschule ermöglicht. Das so entstandene, übergreifend einsetzbare Materialpaket zu Erkundungen der „eigenen“ und fremden Umgebung steht inzwischen frei zugänglich auf der Projektwebseite zur Verfügung: http://www.ru.nl/nachbarsprache/schulen/unterrichtsmaterial/ (siehe Materialpaket: Erkundungen der Umgebung: Stadt- und Schulerkundungen). Die erstellten Materialien regen dazu an, die vermeintlich eigene und fremde Lern- und Lebensumgebung gemeinsam und grenzüberschreitend bewusst wahrzunehmen. In der gemeinsamen Erkundung eröffnet sich die Chance, zu erlebtem interkulturellen Lernen zu gelangen: Die Rezeption von Zeichen sowie Text-Bild-Kombinationen erfordert Weltwissen bzgl. des Themas, der Situation bzw. des Kontextes und oft auch Wissen über gesellschaftliche, politische und historische Zusammenhänge sowie über ikonische und symbolische Zeichen. All dies ist immer (auch) kultur- bzw. sozialisationsgeprägt, wie Juffermans/Coppoolse (2012) deutlich machen. Es sind individuell sowie kulturell geprägte Rezeptionsstrategien, die genutzt werden, um Wahrgenommenem überhaupt einen Sinn zuschreiben zu können (vgl. Dresing et al.) bzw. in Gesprächen zu thematisieren.

In dem vorgeschlagenen Beitrag möchten wir die Ergebnisse der Pilotisierung dieser Aktivitäten und Materialien aus dem Schuljahr 2017/18, insbesondere derer, die Ansätze des linguistic landscapings aufgreifen, sowohl aus Perspektive der Lehrpersonen als auch der Lernenden präsentieren und hinsichtlich des Mehrwerts eines eben solcher mehrsprachigen, entdeckenden Ansätze im Vergleich zum Regelunterricht zur Diskussion stellen.

Literatur
Androutsopoulos, Jannis (2008): Linguistic landscapes: Visuelle Mehrsprachigkeitsforschung als Impuls an die Sprachpolitik. Goethe Institut: Städte – Sprachen – Kulturen, online: https://jannisandroutsopoulos.files.wordpress.com/2011/05/j-a-2008-linguistic-landscapes.pdf (12.03.2018).

Dresing, Pirkko Friederike / Bechauf, Carina / Möllenkamp, Mareike / Ballweg, Sandra / Grubert, Julia / Lewicki, Anja (2017): Wie nehmen neu zugewanderte Menschen in Deutschland ihre sprachliche Umgebung wahr? Zum Umgang von Deutschlernenden mit Text-Bild-Kombinationen im Alltag. In: Materialien Deutsch als Fremdsprache (Tagungsdokumentation FaDaF 2016, Universität Duisburg-Essen) (im Druck).

Immers, Suzanne (2017): Erkundungen der Umgebung: Stadt- und Schulerkundungen. Materialpaket Interreg-Projekt Nachbarsprache & buurcultuur: Radboud Universiteit Nijmegen.

Jentges, Sabine / Sars, Paul (2018): Ich sehe was, was du nicht siehst … Urbanes Raumerleben und Linguistic landscaping in und für deutsch-niederländische/n Schulaustauschprojekte/n. In: Camilla Badstüber-Kizik/Věra Janíková (Hg.): Linguistic Landscape und Fremdsprachendidaktik. Frankfurt: Peter Lang (Posener Beiträge zur Angewandten Linguistik) (angenommen, im Druck, 22 Seiten).

Juffermans, Kasper / Coppolse, Jannet (2012): How Literate, Low-Literate and Non-Literate Readers Read the Linguistic Landscape in a Gambian Village. In: Hélot, Christine / Barni, Monica / Janssens, Rudi / Bagna, Carla (Hrsg.) (2012): Linguistic Landscapes, Multilingualism and Social Change, 233-248.

Sars, Paul / Boonen, Ute K. / Jentges, Sabine (2018): Samen elkaars taal en cultuur leren kennen. Het project Nachbarsprache & Buurcultuur. In: Levende Talen Magazine 2018/2, 16-20.