Sprach- und Sprechstil von Radionachrichten als advance organizer – Spielräume zwischen Erwartungshaltung, Verständlichkeit und Formatspezifik.

Anna Schwenke/Heiner Apel
13.09.2018, 09.45 Uhr-10.30 Uhr, S06 XX, Symposium VI

Radionachrichten als Prototyp sachlich-informierender Gebrauchstexte werden innerhalb weniger Sekunden als Nachrichten erkannt: nicht nur durch das routinemäßige Senden zur vollen oder halben Stunde, sondern auch durch einen charakteristischen Sprach- und Sprechstil. Im Laufe der Kulturgeschichte des Radios haben sich Formulierungsprinzipien etabliert, die die Besonderheiten des nur auditiv wahrnehmbaren Mediums berücksichtigen und welche sender- und formatspezifisch variabel gedeutet sowie umgesetzt werden. Die sprach- und sprechstilistische Gestaltung von Nachrichten kann dabei mit Göpferich (2006) als advance organizer angesehen werden, der beim Erfüllen rezipienteninhärenter Erwartungen die Verständlichkeit der Nachrichten erhöhen bzw. beim Nicht-Erfüllen verringern kann. Denn Radionachrichten lassen sich nicht nur auf ihre primäre Informationsfunktion reduzieren, sondern übernehmen auch Funktionen der Strukturierung des Programmablaufs sowie der Etikettierung und Profilierung des eigenen Senders. Insbesondere als Reaktion auf das gegenwärtige Informationsüberangebot sowie als Resultat radiomarktwirtschaftlicher Entscheidungen sowie zielgruppenspezifischer Formatierung von Radioprogrammen wird die Angemessenheit sprachlich-sprecherischer Gestaltungsformen senderindividuell verhandelt.

Im Vortrag werden ausgewählte Ergebnisse zweier Untersuchungen – einer Behaltensunters-chung zum Einfluss der sprachlich-sprecherischen Gestaltung von Nachrichten und einer auditiv-phonetischen Analyse von Sprechversionen zum Einfluss der sprachlichen Gestaltung – präsentiert und im Hinblick auf radioästhetische Fragen diskutiert:

  • Wie sollten Radionachrichten sein? Lassen sich Aussagen zu Erwartungshaltungen potentieller Hörer und Idealvorstellungen der Sprecher/innen formulieren?
  • In Anbetracht der stärkeren (moderierten oder klanglich-musikalischen) Einbettung von Radionachrichten in formatierte Programme lassen sich Fragen nach angemessener Übermittlung nachrichtlicher Inhalte stellen. Welchen Stellenwert hat die rhetorische Kategorie des aptum in diesem Zusammenhang?
  • Vor dem Hintergrund zielgruppenspezifischer Formatierung wird gefragt, welchen Einfluss der Sprechstil von Nachrichten auf die Wiedererkennbarkeit von Sendern hat. Lassen sich Grundtypen definieren, die als Marker bzw. auch als advance organizer fungieren? Wie stark wirken diese Marker in positiver bzw. negativer Richtung im Hinblick auf die Verständlichkeit von Nachrichten?