(Sprach-)Bildungsmodelle für jugendliche und junge erwachsene SeiteneinsteigerInnen: Schulorganisatorische und sprachdidaktische Herausforderungen

Madlener, Karin/Ender, Andrea
14.09.2018, 12.00 Uhr-12.20 Uhr, S06 XX, Symposium X

Gerade für jugendliche und junge erwachsene SeiteneinsteigerInnen wirken sich Angebote der Sprach-, Schul- und Ausbildung entscheidend auf persönliche, soziale und berufliche Lebensperspektiven aus. Es stellt sich daher die Frage, wie gerade dieser Altersgruppe im Sinne der sozialen Teilhabe und Integration ein angemessener Zugang zu Sprache und Bildung ermöglicht werden kann. Da die föderalen Bildungssysteme der deutschsprachigen Länder keinen einheitlichen Rahmen bieten, wurde in den deutschen Bundesländern, in der Schweiz und in Österreich eine Vielzahl von schultypspezifischen curricularen Modellen von sogenannten Willkommens-, Integrations- oder Übergangsklassen entwickelt und implementiert, die inzwischen verstärkt fachwissenschaftlich begleitet und evaluiert werden (u.a. Ahrenholz, Fuchs & Birnbaum 2016; Benholz, Frank & Niederhaus (Hrsg.) 2016; Lange, Kutz & Czinglar 2017; Mavruk & Wiethoff 2015; Reich 2017). Unser Projekt fragt in diesem Kontext nach den Herausforderungen, Handlungs- und Entscheidungsgrundlagen und Handlungsspielräumen für Sprach- und Fachlehrpersonen und EntscheidungsträgerInnen sowie nach möglichen Beiträgen der Sprachlehr- und -lernforschung zur Evaluierung und (Weiter-)Entwicklung von (Sprach-)Bildungsmodellen und zur Professionalisierung der Lehrenden.

Unser Vortrag reflektiert anhand von (i) Best Practice-Interviews mit sechs ausgewählten, erfahrenen Lehrenden in Willkommenklassen für Jugendliche in Berlin, Basel und Salzburg sowie (ii) Ergebnissen einer schriftlichen Befragung von 24 Sprach- und Fachlehrpersonen an sieben Schulstandorten in Deutschland, Österreich und der Schweiz die folgenden Fragen: (1) Mit welchen Herausforderungen sind Sprach- und Fachlehrende konfrontiert, gerade etwa im Hinblick auf die Integration schul- und/oder schriftungewohnter Lernender oder auf den Erwerb der Bildungssprache Deutsch? (2) Welche Modelle der Sprach-, Schul- und Ausbildung gibt es für jugendliche und junge erwachsene SeiteneinsteigerInnen? Wie werden sie begründet und bewertet? Welche Anpassungen und Restrukturierungen werden aktuell vorgenommen (und aus welchen Gründen)? (3) Wann und wie wird ggf. Fachunterricht eingeführt? Wird dabei auch auf niedrigen Kompetenzstufen das Desiderat, jeglicher Fachunterricht müsse gleichzeitig Sprachunterricht sein, berücksichtigt? (4) Wie werden Übergänge in reguläre allgemein- oder berufsbildende Klassen bzw. in Praktika/Berufsausbildungen gestaltet? Welche Desiderata ergeben sich dabei, insbesondere im Hinblick auf weiterführende Sprachförderangebote? (5) Welche Desiderata ergeben sich schliesslich aus Sicht der Sprachlehr- und -lernforschung hinsichtlich der Qualifizierung/Professionalisierung von Sprach- und Fachlehrenden, u.a. hinsichtlich Sprachstandsmessung und Fragen der Literalität?

Literatur
Ahrenholz, B., I. Fuchs & T. Birnbaum (2016). „... Dann haben wir natürlich gemerkt, der Übergang ist der Knackpunkt ...“: Modelle der Beschulung von Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern in der Praxis. BiSS-Journal 5, o.S.

Benholz, C., M. Frank & C. Niederhaus (Hrsg.) (2016). Neu zugewanderte Schülerinnen und Schüler – eine Gruppe mit besonderen Potentialen. Beiträge aus Forschung und Schulpraxis. Münster: Waxmann.

Lange, A., I. Kutz & C. Czinglar (2017). Voneinander lernen: Modelle für den DaZ-Unterricht für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche. Babylonia, Sonderheft 2017/1 "Défis langagiers de l’afflux actuel de réfugiés“, 59–62.

Mavruk, G. & M. Wiethoff (2015). Zur schulischen Situation von ’Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern’. In C. Benholz, M. Frank & E. Gürsoy (Hrsg.), Deutsch als Zweitsprache in allen Fächern: Konzepte für Lehrerbildung und Unterricht. Stuttgart: Fillibach bei Klett, 215–236.

Reich, Hans H. (2017). Geschichte der Beschulung von Seiteneinsteigern im deutschen Bildungssystem. In Becker-Mrotzek, Michael und Hans-Joachim Roth (Hrsg.): Sprachliche Bildung – Grundlagen und Handlungsfelder, Münster/New York: Waxmann, 77–94.