‚Smartphones-in-Interaction‘. Zur Integration mobiler Kommunikationstechnologien in alltägliche Face-to-Face-Interaktionen.

David Suderland
12.09.2018, 16.25 Uhr-16.45 Uhr, S06 XX, Symposium I

Im Rahmen meines Promotionsprojekts „Smartphones-in-Interaction“ untersuche ich aus Perspektive der ethnomethodologischen Konversationsanalyse (Psathas, 1995; Sacks, 1995) folgende Forschungsfrage: Wie und mit welcher Funktion werden auf Smartphones befindliche Medieninhalte in die gemeinsamen sprachlichen Aktivitäten der Teilnehmer an alltäglichen Face-to-Face-Interaktionen integriert? Mich interessiert also grundsätzlich, wie die vielfältigen Affordanzen (Hutchby, 2001, S. 32) dieser mobilen Kommunikationstechnologien von den Teilnehmern methodisch als Ressource der Interaktionsorganisation eingesetzt werden. Als Datengrundlage zur Beantwortung der Forschungsfrage dienen dabei Audioaufzeichnungen informeller Gesprächssituationen.

Bevor Medieninhalte in die gemeinsamen sprachlichen Aktivitäten kopräsenter Interaktionspartner integriert werden können, müssen sie zunächst aus dem „Archiv“ (Keppler, 2014, S. 99) des Smartphones – d.h. von seinem lokalen Speicher oder durch eine Online-Suchanfrage – aufgerufen werden. Daraus ergibt sich für die Teilnehmer die grundsätzliche Herausforderung, die potenziell konkurrierenden Anforderungen von Mediengebrauch und Face-to-Face-Interaktion miteinander zu koordinieren (Brown, McGregor, & Laurier, 2013; Relieu, 2009). Im Datenmaterial zeigt sich, dass die Teilnehmer dieses Problem der Interaktionsorganisation nicht selten durch eine sprachliche Bezugnahme auf den Suchprozess bearbeiten. In meinem Vortrag möchte ich drei unterschiedliche Formen dieser gesprächsweisen Bezugnahme diskutieren, mit denen die Teilnehmer einen divergierenden bzw. konvergierenden Aufmerksamkeitsfokus (Mondada, 2012) auf den Suchprozess herstellen. Die drei Formen unterscheiden sich u.a. auch in der Hinsicht, inwiefern sie den zunächst „privaten“ Suchprozess auf dem Smartphonedisplay zu einem teil-öffentlichen Referenten des gemeinsamen Gesprächs transformieren:

(1.) Das suchbegleitende Kommentieren durch die Smartphoneinhaberin zeigt sprachlich deren Fokussierung auf die Bedienung des Geräts an. Es treten freistehende, kommentierende Äußerungen auf, mit denen dieser Aufmerksamkeitsfokus für die anderen Anwesenden nachvollziehbar gemacht wird und die von ihnen nicht erwidert werden. (2.) Während der kollaborativen Suche (Brown, McGregor, & McMillan, 2015) strukturiert die Smartphoneinhaberin bspw. durch die Initiierung von Frage-Antwort-Sequenzen das Gesprächsgeschehen: So wird ein geteilter Aufmerksamkeitsfokus auf die ‚Inhalte‘ der Suche hergestellt und sprachlich angemessene Suchbegriffe oder deren Schreibweise ausgehandelt. (3.) Insbesondere bei problematisch verlaufenden Suchprozessen kann es zur kollaborativen Suche mit instruierter Bedienung kommen: Hier erhält der Interaktionspartner visuellen Zugang zum Display des Smartphones und beginnt, Instruktionen und Vorschläge zu äußern, mit denen die Bedienung des Geräts zum Zweck der Suche angeleitet wird. Bei dieser Form der kollaborativen Suche sind es nicht die Äußerungen der Smartphoneinhaberin, sondern vor allem die des Interaktionspartners, die gesprächsstrukturierende Wirkung haben.

Im Ergebnis zeigt sich, wie die zunächst „privaten“ und für die anderen Interaktionsteilnehmer nicht beobachtbaren Vorgänge auf dem Display durch verschiedene Methoden sprachlich expliziert (sowie teilweise visuell zugänglich gemacht) und so zunehmend zu einen teil-öffentlichen Referenten der gemeinsamen sprachlichen Aktivitäten der Kopartizipanden werden.

 

Literatur
Brown, B., McGregor, M., & Laurier, E. (2013). iPhone in Vivo: Video Analysis of Mobile Device Use. In CHI’13. Proceedings of the SIGCHI Conference on Human Factors in Computing Systems (S. 1031–1040). New York, NY: ACM. https://doi.org/10.1145/2470654.2466132

Brown, B., McGregor, M., & McMillan, D. (2015). Searchable Objects: Search in Everyday Conversation. In CSCW ’15. Proceedings of the 18th ACM Conference on Computer Supported Cooperative Work & Social Computing (S. 508–517). New York, NY: ACM. https://doi.org/10.1145/2675133.2675206

Hutchby, I. (2001). Conversation and Technology: From the Telephone to the Internet. Malden, MA: Blackwell Publishers.

Keppler, A. (2014). Reichweiten alltäglicher Gespräche. Über den kommunikativen Gebrauch alter und neuer Medien. In R. Hettlage & A. Bellebaum (Hrsg.), Unser Alltag ist voll von Gesellschaft. Sozialwissenschaftliche Beiträge. (S. 85–104). Wiesbaden: Springer VS.

Mondada, L. (2012). Talking and Driving: Multiactivity in the Car. Semiotica, 2012(191), 223–256. https://doi.org/10.1515/sem-2012-0062

Psathas, G. (1995). Conversation Analysis: The Study of Talk-in-Interaction. Thousand Oaks, CA: SAGE.

Relieu, M. (2009). Mobile Phone “Work”: Disengaging and Engaging Mobile Phone Activities with Concurrent Activities. In R. Ling & S. W. Campbell (Hrsg.), The Reconstruction of Space and Time: Mobile Communication Practices (S. 215–230). New Brunswick, NJ: Transaction Publishers.

Sacks, H. L. (1995). Lectures on Conversation. (G. Jefferson, Hrsg.). Cambridge, MA; Oxford, UK: Blackwell Publishers.