Schöne neue Internetforschung. Oder: Vom schlechten Gewissen der Internetlinguistik

Konstanze Marx
13.09.2018, 09.00 Uhr-09.45 Uhr, S06 XX, Symposium VIII

Es sei erlaubt, einen Einstiegssatz zu bemühen, der so oder vergleichbar zu den meistgelesenen in den Veröffentlichungen oder auch studentischen Hausarbeiten der letzten Jahre gehört: ‚Das Internet ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken.’ Für Disziplinen, die sich mit Alltagsroutinen/-handlungen und den kulturellen und sozialen Auswirkungen auseinandersetzen, ist folglich das Internet als Forschungsgegenstand und Forschungsraum nicht mehr „wegzudenken“, so auch für die linguistische Forschung.

Diese stützt sich auf sprachliche Daten, die sich im World Wide Web quasi selbst auf einem goldenen Tablett präsentieren. Die Versuchung, diese schlicht zu erheben, ist groß. Das schlechte Gewissen, genauer: ethische Bedenken hingegen, werden verdrängt: In zahlreichen Abhandlungen werden sie sprichwörtlich am Rande (zumeist im letzten Kapitel, vgl. etwa Jannidis/Kohle/Rehbein 2017) erwähnt, als etwas das „must be considered afresh with this new medium“ (Placencia/Lower 2017: 654). Weit über das Feststellen dieser Notwendigkeit ist die linguistische Forschung noch nicht hinausgegangen, vgl. auch Bubenhofer/Scharloth (2015: 13 ff.). Die Daten geben ein Tempo vor, das keine Zeit zu gewähren scheint für eine tiefe ethische Reflexion.

In anderen Disziplinen, etwa der Kommunikationswissenschaft (vgl. den Ethik-Kodex der Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft e.V.) oder auch Kommunikationspsychologie (vgl. Döring 2003), ist man schon etwas weiter. Inwieweit lassen sich die hier formulierten Richtlinien fruchtbar machen für eine Ethik der linguistischen Internetforschung? Welche Desiderata ergeben sich und wie ist diesen beizukommen? Das sind die Hauptfragen, denen sich der Vortrag widmen soll.

Literatur
Bubenhofer, Noah/Scharloth, Joachim (2015): Maschinelle Textanalyse im Zeichen von Big Data und Data-driven Turn – Überblick und Desiderate. In: Zeitschrift für germanistische Linguistik 43, 1, 1–26. DOI: 10.1515/zgl-2015-0001.

Döring, Nicola (2003): Sozialpsychologie des Internets. Göttingen [u. a.]: Hogrefe.


Jannidis, Fotis/ Kohle, Hubertus/ Rehbein, Malte (Hg.) (2017): Digital Humanities: eine Einführung. Stuttgart: J.B. Metzler Verlag.

Placenica, Maria Elena/Lower, Amanda (2017): Compliments and compliment responses. In: Hoffmann, Christian R./Bublitz, Wolfram (eds.): Pragmatics of Social Media. Berlin/New York: de Gruyter, 633–660.