Recht als Kultur - Zur Verständlichkeit von Rechtstexten

Almut Meyer
13.09.2018, Poster-Session

Recht wird nur durch Sprache zu Recht. Die Arbeit im und mit dem Recht ist auf Sprache angewiesen. So wie Recht und Sprache untrennbar zusammengehören, ist Sprache auch nur in Verbindung mit ihren jeweiligen kulturellen Kontexten zu denken. Somit wird die sprachlich-kommunikative Verfasstheit von Recht auch durch Kultur konstituiert. Bei der Auslegungsarbeit und Kommunikation im Recht stehen folglich nicht nur sprachliche Aspekte im Mittelpunkt, sondern Sprache ist ebenso in ihrer kulturellen Gebundenheit zu erfassen. Kenntnisse bedeutungskonstituierender kultureller Hintergründe stellen damit eine notwendige Voraussetzung dar, Rechtstexte kulturgerecht zu verstehen. Denn unzureichende Kenntnisse kultureller Zusammenhänge können Ursache von Missverstehen sein, das in der Rechtspraxis z.B. im grenzüberschreitenden Rechtsverkehr zu Rechtsstreitigkeiten mit ungewollten negativen Folgen führen oder die Loyalität von Bürgern gegenüber dem Rechtsstaat beeinträchtigen kann.

Verständlichkeit von Recht korreliert also mit der Kompetenz des Rezipienten, Rechtstexte kulturell kontextualisieren zu können. In Anlehnung an die neuere Fachkommunikationsforschung steht deshalb der Aufbau kulturellen Wissens im Mittelpunkt. Es geht dabei um die konkreten Wissenselemente, die hinter der Fachkommunikation liegen. Die Einbeziehung kultureller Aspekte ist in mehrsprachig-kontrastiven Zusammenhängen durch die Fremdperspektive auf Sprache und Kultur offensichtlich gegeben. Aber auch nationale Rechtswirklichkeiten sind weder auf Seiten der Rechtsinstitutionen noch der Adressaten kulturell homogen: (Deutsche) Gesetzgebungsprozesse müssen das mehrsprachig entstandene EU-Recht berücksichtigen und Normadressaten sind (in Deutschland) migrations- und fluchtbedingt zunehmend von kultureller Vielfalt geprägt. Kulturelle Kompetenz ist demnach in internationalen wie auch nationalen Zusammenhängen konstitutiv für eine Teilhabe an der Rechtskommunikation.

Ein kulturgerechtes Verstehen von Recht setzt kulturelles Wissen voraus, das in Prozessen des Wissensaustauschs konstruiert wird. Insbesondere aus der Fremdperspektive stellt sich die Frage, wie fremdkulturelles Wissen aufgrund von Rechtstexten aufgebaut werden kann. Da im Recht am Ende ein institutionell legitimierter Rechtstext steht, richtet sich das Augenmerk vorliegend auf die Expertenkommunikation. Im Kontext juristischer Ausbildung wird für das Verständlichmachen von Rechtstexten ein kulturwissenschaftlich verankerter Ansatz vorgelegt. Dieses interdisziplinäre Vorgehen ist damit begründet, dass zwar die Kulturthematik im rechtswissenschaftlichen Diskurs ihren Platz hat, aber weder ein eindeutig definierter Rechtskulturbegriff noch eine Methode eines kulturgerechten Verstehens von Recht existiert.

Kernstück dieses Ansatzes ist ein wissens- und performanzbezogenes Interpretationsmodell zum Erwerb kulturellen Wissens, auf dessen Grundlage ein kulturgerechtes Verstehen und Vermitteln von Rechtstexten möglich ist. Methodisch zentral ist bei dieser Herangehensweise, dass kulturelle Phänomene von Rechtstexten theoriegeleitet in ihren Performanzkontexten exploriert werden. Dieses Kulturmodell eröffnet einen Zugang zu Rechtstexten, der verstehensrelevante kulturelle Dimensionen erschließt.

Damit Juristen diesen Ansatz eines kulturgerechten Vermittelns von Rechtstexten akzeptieren können, wird diese Verständigungsarbeit rechtstheoretisch verortet. Grundsätzlich kommt hinzu, dass Vermittlung im Recht weder Simplifizierung im Sinne von verkürzenden Verzerrungen komplexer Rechtsinhalte bedeuten kann, noch im Widerspruch zum normativen Charakter und Geltungsanspruch des Rechts stehen darf. Deshalb geht es in diesem Beitrag darum, das Kulturmodell an die Rechtswissenschaften heranzutragen und es innerhalb des rechtswissenschaftlichen Paradigmas zu legitimieren.

Das Anliegen des Vortrags ist, eine interdisziplinäre Methode zum kulturgerechten Verstehen von Rechtstexten vorzustellen und sie vor einem rechtstheoretischen Hintergrund zu diskutieren. Das Interpretationsmodell leistet einen Beitrag, die Voraussetzungen einer gelingenden Rechtskommunikation zu optimieren und dadurch nachhaltig justizielle und soziale Gerechtigkeit zu fördern.

 

Literatur
Engberg, Jan 2011. Specialized Communication and Culture, Practice, Competence and Knowledge: Implications and Derived Insights. In: Pon, Leinard et al. (Hg.). Angewandte Linguistik heute: Forschung und Perspektive. Beiträge von der KGAL-Konferenz 2011. S. 109-130.

Meyer Almut 2012. Intercultural Competence in Legal German Teaching: A Didactical Implementation. Journal of Language and Communication in Business. Hermes. 48, 35-53.

Perelman, Chaim / Olbrechts-Tyteca, Lucie 2004. Die neue Rhetorik. Eine Abhandlung über das Argumentieren. Bd. 1. Kopperschmidt, Josef. (Hg.). Stuttgart-Bad Cannstatt: frommann-holzboog.