Phänomenorientierte Linguistik

Andreas Gardt
12.09.2018, 09.00 Uhr-09.20 Uhr, S06 XX, Symposium III

Der Begriff Phänomenorientierte Linguistik will Entwicklungen in der Sprachwissenschaft einen theoretischen Rahmen geben, die in der wissenschaftlichen Praxis nicht neu, aber zunehmend präsent sind. Was diese Entwicklungen verbindet, ist die Verschiebung von einer weitestgehend auf das Sprachsystem gerichteten Forschung zugunsten einer auf die kommunikativen Abläufe konzentrierten. Meist wird diese letztgenannte Forschung unter die Begriffe Pragmatik oder Linguistik des Sprachgebrauchs gefasst. Den Ausprägungen dieser Forschung liegt die Vorstellung von Sprache und Sprechen als einem Handeln zugrunde, das sowohl der Verortung der Sprechenden in der Welt dient als auch der Gestaltung des öffentlichen Raumes, d.h. des gesellschaftlichen Lebens.

Aus der Perspektive des Faches Linguistik lässt sich diese Entwicklung als Geschichte einer Ausweitung beschreiben. Nachdem der Satz lange die größte Einheit sprachwissenschaftlicher Analyse darstellte, folgte eine Erweiterung zum Text, zunächst in Form einer strukturbezogenen Textlinguistik, dann einer pragmatischen. Im Anschluss daran traten auch Diskurse in den Fokus linguistischen Arbeitens. Dabei folgt diese Ausweitung der Realität des Vorkommens der untersuchten sprachlichen Einheiten: Sätze begegnen de facto nur in Texten (und Gesprächen), Texte (und Gespräche) sind oft eingebunden in Diskurse. Zugleich weiteten sich die Fragen aus, die an das sprachliche Material gestellt wurden, was zur Entstehung der sog. Bindestrich-Linguistiken führte, mit neuen Theorien und Methoden.

Bisweilen wird daher gefürchtet, dass der „ausgeprägt[e] Pluralismus“ in der Linguistik zu einer „Grundlageninstabilität“ (Maitz 2012, 9), einer Erosion ihres wissenschaftlichen Fundaments führt. Wo es sich um pragmatische Ausprägungen der Forschung handelt, gewinnt die Sprachwissenschaft jedoch zugleich an Nähe zur Realität ihres Forschungsgegenstandes. Genau darauf zielt das Konzept der Phänomenorientierten Linguistik: Die von ihr untersuchten sprachlichen Gegebenheiten werden nicht lediglich darauf abgefragt, was sie zur Beschreibung des Sprachsystems beitragen – so wie es geschieht, wenn z.B. ein Textkorpus dazu dient, Informationen über die Syntax des Deutschen zu liefern – sondern sie werden als kommunikative Phänomene im Kontext ihres konkreten lebensweltlichen Vorkommens untersucht. Ihre Analyse geht nicht von einem festen Satz untersuchungsrelevanter Aspekte aus, sondern alles, was sie als kommunikative Phänomene konstituiert, wird Gegenstand der Betrachtung. Der Linguist greift also nicht mehr lediglich auf dasjenige an der Lautung, Schreibung, Morphologie, Syntax usw. eines kommunikativen Phänomens zu, was er auf ein mehr oder weniger hypostasiertes Sprachsystem projizieren kann (die Rede von der Projektion auf die Leinwand des Forschers stammt von Eugenio Coseriu), sondern er begibt sich in die Realität des Kommunizierens hinein und versucht auf diese Weise, dem ontischen Ort von Sprechen und Sprache gerecht zu werden.

Verschiedene Teildisziplinen der pragmatischen Linguistik praktizieren bereits ein solches Arbeiten, in unterschiedlichem Ausmaß. Wenn z.B. Texte nicht nur auf ihre Strukturen hin analysiert werden, sondern auch gefragt wird, wer den Text verfasst hat, für wen, unter welchen Bedingungen, in welcher Zeit, mit welchen Absichten usw., dann orientiert sich der Analysierende bereits vermehrt an der kommunikativen Realität des Textes. Insofern greift, wie eingangs erwähnt, das Konzept der Phänomenorientierung bestehende Entwicklungen in der neueren Linguistik auf. Es betont jedoch zugleich, dass der Blick des Forschenden nicht ‚von innen nach außen‘, von den Theorien und Methoden der jeweils eigenen Teildisziplin in die Wirklichkeit des Sprachvorkommens verlaufen, sondern sich die Blickrichtung umkehren sollte: Das den Forschenden interessierende kommunikative Phänomen wird als Ganzes, in seiner lebensweltlichen Einbettung in den Blick genommen und die Differenzierung der Theorie sowie die Wahl der Analysemethode folgen der Spezifik des Phänomens.

Um dies erneut am Beispiel von Texten zu illustrieren: Wo sie etwa Bilder einschließen, müssen diese in der Analyse berücksichtigt werden, wie dies in der Multimodalitätsforschung bereits geschieht. Insofern ihr Layout, ihre Typographie, die Formen ihrer Herstellung, Verbreitung und Rezeption usw. für ihr kommunikatives Profil relevant sind, müssen sie ebenfalls einbezogen werden. Und insofern sie Teile eines kommunikativen Gefüges sind, das auch anders geartete Zeichenträger einschließt, müssen sie zumindest gegenüber diesen anderen Zeichenträgern abgegrenzt werden.

Kommunikative Phänomene stehen immer in konkreten Kontexten, also in gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen, philosophischen, religiösen, fach- und wissenschaftsspezifischen, künstlerischen, alltagsweltlichen und anderen Zusammenhängen. Die Linguistik ihrer Erforschung ist damit eine genuin kulturwissenschaftliche. Damit wird aber auch eine Gefahr deutlich, dem sich ein so geartetes Arbeiten aussetzt: Die Forschenden haben es auch mit Gegenständen zu tun, die fachlich nicht ihre eigenen sind. Die notwendige Interdisziplinarität ihres phänomenorientierten Arbeitens lässt sie zwangsläufig auch die Grenzen ihrer fachlichen Kompetenzen erkennen. Was jedoch die Frage einer drohenden Erosion der linguistischen Grundlagen betrifft, so führt die hier geschilderte Form des Arbeitens nicht von der Sprache weg, sondern unmittelbar zu ihr hin, zu ihrem Ort und Zweck im Alltag des Kommunizierens. Einem etwaigen Verlust an linguistischer Konturierung wird dadurch begegnet, dass das hier beschriebene Arbeiten die kommunikativen Phänomene auch auf ihre Systematik und Musterhaftigkeit abfragt. Dass Systematik und Musterhaftigkeit auch jenseits der einzelnen Ebenen eines Sprachsystems im engeren Sinne gegeben sind, steht außer Frage, da kommunikative Abläufe nur deshalb funktionieren, weil sie zu großen Teilen konventionalisiert sind. Der Vortrag wird dies an Beispielen aus der Text- und Diskursanalyse illustrieren.  

Die Kategorie der Phänomenorientierten Linguistik versucht also, bereits bestehende Forschungsrichtungen auf einen begrifflichen Punkt zu bringen und zugleich eine Perspektive für weitere Forschung zu bieten. Dabei ist die Wahl des Begriffs Phänomenorientierung auch darin begründet, dass er sich in Theoriedebatten einfügt, die auch außerhalb der Sprachwissenschaft zur Zeit mit großem Engagement geführt werden (innerhalb der Linguistik ist, wie oben ausgeführt, die Praxis dieses Arbeitens zunehmend verbreitet, der Begriff selbst begegnet in der Konzeption der Reihe der Handbücher Sprachwissen, vgl. Felder/Gardt 2015, X). Diese Debatten spielen sich im (weiteren) Kontext des sog. material turn ab und schließen Fragen der Materialität der Kommunikation ebenso ein wie sprach- und erkenntnistheoretische Positionsbestimmungen zwischen Konstruktivismus und Realismus (dazu Felder/Gardt [demn.]). Um eine Stimme aus diesen Debatten zu zitierern: Aus der Sicht Karen Barads sind „die primären semantischen Einheiten [...] nicht ‚Wörter‘, sondern materiell-diskursive Praktiken, durch die (ontische und semantische) Grenzen konstituiert werden“ (Barad 2012, 22).

Schließlich: Was speziell die Angewandte Linguistik betrifft, so stellt sich die Frage, ob das hier skizzierte Konzept einer Phänomenorientierten Linguistik gerade für sie nicht von besonderem Interesse wäre.

 

Literatur
Barad, Karen (2012): Agentieller Realismus. Über die Bedeutung materiell-diskursiver Praktiken. Frankfurt: Suhrkamp.

Felder, Ekkehard/Andreas Gardt (2015): Einleitung. In: Dies. (Hg.): Handbuch Sprache und Wissen. Berlin/Boston: De Gruyter, IX-XII  (Handbücher Sprachwissen 1).

Felder, Ekkehard/Andreas Gardt (Hg.) [demn.]: Wirklichkeit oder Konstruktion? Sprachtheoretische und interdisziplinäre Aspekte einer brisanten Alternative. Berlin/Boston: De Gruyter (https://www.degruyter.com/view/product/495952).

Maitz, Péter (2012): Wohin steuert die Historische Sprachwissenschaft? Erkenntniswege und Profile einer scientific community im Wandel. In: Ders. (Hg.): Historische Sprachwissenchaft. Erkenntnisinteressen, Grundlagenprobleme, Desiderate. Berlin/Boston: De Gruyter, 1-27.