Organisation und Durchführung von Verständlichkeitsprüfungen mit Vertretern der Zielgruppe: Erkenntnisse aus einem Entwicklungs- und Forschungsprojekt im Bereich der Sozialen Arbeit

Simone Girard-Groeber
14.09.2018, 14.00 Uhr-14.45 Uhr, S06 XX, Symposium IX

Der hier vorgeschlagene Beitrag basiert auf Erkenntnissen aus einem Forschungs- und Entwicklungsprojekt, in welchem die Briefschaften einer Schweizer Erwachsenen-schutzbehörde in Leichte Sprache (LS) übersetzt sowie eine Informationsbroschüre zum Erwachsenenschutzrecht und -verfahren in LS erstellt wurden. Diese amtlichen Texte sind für die Betroffenen im Hinblick auf ihre Partizipation am Verfahren und die Wahrung ihrer Selbstbestimmung und Handlungsautonomie von grosser Bedeutung. Das kürzlich abgeschlossene Projekt wurde an der Hochschule für Soziale Arbeit Olten in Zusammenarbeit mit der regionalen Erwachsenenschutzbehörde durchgeführt und bestand aus vier Teilbereichen:

1) Texterstellung in enger Zusammenarbeit mit der Behörde

2) Prüfung der Texte auf Verständlichkeit durch Vertreterinnen und Vertreter der Zielgruppe

3) Evaluation der Texterstellungs- und Textprüfungsprozesse

4) Qualitative Untersuchung der Wahrnehmung sowie Wirkung der LS-Texte auf Anwender/Anwenderinnen und Adressaten/Adressatinnen hinsichtlich Partizipation

Der Fokus des hier vorgeschlagenen Beitrags liegt auf der Verständlichkeitsprüfung der LS-Texte durch Vertreterinnen und Vertreter der Zielgruppe bestehend aus Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung. Um im Projekt unterschiedliche Prüfmodi auf ihre Vor- und Nachteile hin zu untersuchen, wurden Texte einerseits durch dezentrale Prüfungen durch eine Fachstelle geprüft, andererseits wurden zentrale Prüfsitzungen (in den Räumen der Hochschule) durch einzeln rekrutierte Prüferinnen und Prüfer durchgeführt. Im Beitrag wird das Hauptaugenmerk auf dem zweiten Prüfmodus liegen. Die Aufgabe der Prüferinnen und Prüfer bestand darin, Textsegmente laut vorzulesen, die Inhalte zu verstehen und das Verstehen durch eine Reformulierung mit eigenen Worten zu ‘dokumentieren’. Die Prüfsitzungen wurden durch eine Moderatorin geleitet, welche die Beobachtungen betreffend Leseverhalten und Textverstehen der Prüferinnen und Prüfer während der Sitzung in Form von Annotationen verschriftlichte.

Konkret soll im Beitrag in einem ersten Schritt erläutert und diskutiert werden, wie Prüferinnen und Prüfer aus der Zielgruppe rekrutiert und für die Verständlichkeitsprüfung geschult wurden. Dann wird in einem zweiten Teil das methodische Vorgehen der Verständlichkeitsprüfung (Teilbereich 2) an sich dargelegt und Vor- und Nachteile des Vorgehens aufgrund der Erkenntnisse aus der Evaluation des Prüfungsprozesses (Teilbereich 3) kritisch beleuchtet. Dabei soll auch aufgezeigt werden, welche Arten von Leseverhalten und Textverstehen beim durchgeführten Vorgehen (nicht) beobachtet werden können.

Der Beitrag trägt durch die ausgeführten Erkenntnisse und auch offenen Fragen zur aktuellen Diskussion bei, wie Verständlichkeitsprüfungen durch Vertreterinnen und Vertreter einer spezifischen Zielgruppe organisiert und durchgeführt werden können, und welche Herausforderungen diese mit sich bringen.