Online-Instruktionen als multimodale Praxis des Probierens in Theaterproben

Maximilian Krug
13.09.2018, Poster-Session

Theater sind Institutionen, die sich im Spannungsfeld zwischen Öffentlichkeit und Privatheit bewegen. Als Spielorte präsentieren Theater einer möglichst großen Zuschauerschaft öffentlich ihre künstlerischen Leistungen, die zuvor unter völligem Ausschluss der Öffentlichkeit innerhalb eines exklusiven Teilnehmerkreises auf den Probebühnen erarbeitet worden sind, die als „Schutzräume“ (Matzke 2012, S. 88) für die Beteiligten dienen. Zentrale Bestandteile dieser Erarbeitungsprozesse sind die Anweisungen des/der Regisseurs/in. Instruktionen in Phasen des Probierens sind in Theaterproben in zwei Formaten beobachtbar: (I) nach und/oder (II) während des szenischem Spiels. Bei beiden Instruktionsformaten stehen die Interagierenden (Schauspieler, Regieassistenten und Techniker) vor dem ethnomethodologischen Problem, die Instruktionen als relevante Handlungsanweisungen zu verstehen – und sie schließlich zu akzeptieren. Die Formate unterscheiden sich dabei systematisch in ihrer interaktionalen Integration in das laufende Geschehen, dem Grad der Elaboriertheit und der multimodalen Realisierung. Während Anna Wessel mit ihrem GAL18-Poster das Instruktionsformat I (Instruktionen nach dem szenischen Spiel) bearbeitet, betrachtet dieser Beitrag alle Instruktionen des Formats II, bei denen der Regisseur während des szenischen Spiels („online“) Anweisungen gibt. Wie eine Instruktion als Komplex aufeinander bezogener Handlungen des Anweisens und Akzeptierens von den Theaterschaffenden gemeinsam hergestellt wird, steht dabei im Zentrum des Beitrags. Die mithilfe der multimodalen Interaktionsanalyse (Schmitt 2015) durchgeführte Rekonstruktion dieser instruierenden Praktiken greift auf ein etwa 200-stündiges Videodatenkorpus einer professionellen Theaterproduktion zurück. Zum Einsatz kommen neben vier stationären Kameras vor allem mobile Eye-Tracking-Brillen, die von Regisseur und Schauspielern während des Online-Instruierens getragen werden.

 

Literatur
Matzke, Annemarie (2012): Arbeit am Theater. Eine Diskursgeschichte der Probe. Bielefeld: Transcript (Theater, Bd. 48).

Schmitt, Reinhold (2015): Positionspapier: Multimodale Interaktionsanalyse. In: Ulrich Dausendschön-Gay, Elisabeth Gülich und Ulrich Krafft (Hg.): Ko-Konstruktionen in der Interaktion. Die gemeinsame Arbeit an Äußerungen und anderen sozialen Ereignissen. Bielefeld: transcript Verlag (Sozialtheorie), S. 43–51.