Nicknames und Social Media: Selbstbenennungspraktiken zwischen Anonymität und Authentizität

Saskia Kersten/Netaya Lotze
12.09.2018, 14.45 Uhr-15.30 Uhr, S06 XX, Symposium I

Selbstbenennungspraktiken in Form der Wahl eines Nicknamen (auch Benutzername, Username oder screen name, vgl. Aleksiejuk 2016a) folgen online entweder dem Wunsch nach authentischer Selbstdarstellung und sozialer Begegnung oder dienen dem Schutz der Privatsphäre durch ein Alias (vgl. Kersten & Lotze im Druck). Die Wahl des Nicknamen wird hierbei von einer Reihe von Faktoren beeinflusst, z.B. der Art der Plattform (z.B. Twitter vs. Fotodienste), dem Grad der gewünschten Anonymität und den technischen Bedingungen (z.B. Zeichenbeschränkung). Die Nicknamenwahl erfolgt nicht dichotomisch (Realname vs. Alias), sondern lässt sich auf einem Kontinuum abbilden. So geben Nutzer*innen ausgewählte Anhaltspunkte über ihre Identität preis (selektive Identitätsoffenbarung), indem die Namenswahl Rückschlüsse auf den realen Personnamen (durch Hypokoristika, Kurzformen, Initialen), aber auch auf Charaktereigenschaften, Meinungen oder Vorlieben zulässt. Diese sind nur für einen bestimmten Adressatenkreis, nicht aber für alle Nutzer*innen, transparent (vgl. auch Aleksiejuk 2016b).

Die Auswahl des passenden Nicknamen auf den analysierten Online-Plattformen kann also als Form der Selbstinszenierung im Sinne von Facework und als Authentifizierungspraktik als Mitglied einer Interessengemeinschaft interpretiert werden. Dabei variieren die Zielgrößen der Selbstinszenierung je nach Individuum und Community of Practice (Lave & Wenger 1991). Die Dialektik der internet-basierten Kommunikation zwischen Privatheit und Öffentlichkeit bildet den schwer zu definierenden und äußerst ambivalent zu bewertenden Hintergrund für die Namenswahl und Identitätsarbeit im virtuellen Raum (vgl. Seargeant & Tagg 2014, Bedijs, Held & Maaß 2014).

In diesem Projekt, das Teil einer internationalen Studie zur Nicknamenwahl in sozialen Medien mit Fokus auf Twitter ist (Siever & Schlobinski, im Druck), wurden 500 Nicknamen von britischen User*innen hinsichtlich der Strategien bei der Namenwahl ausgewertet sowie zusätzlich eine Fragebogenstudie durchgeführt, die Aufschlüsse über die Entscheidungsprozesse und die Motivation gibt, die bei der Selbstbenennung eine Rolle spielen.

In Referenz auf die einschlägigen Paradigmen zur Theorie der Identitätskonstituierung können wir Selbstbenennungspraktiken in vier Dimensionen interpretieren:

  • Onomastische Dimension: Nicknamenwahl als einer der seltenen Anlässe zur Selbstbenennung (vgl. Nübling et al. 2014), wobei deren Inventar changiert zwischen Onymizität und Appellativik
  • Psychologische Dimension: Selbstbenennungspraktiken als identitätsstiftender Akt im Rahmen einer symbolischen Interaktion (Mead 1934) und Ausdruck eines Persönlichkeitsanteils einer postmodernen Patch-Work-Identität (Keupp et al. 2002)
  • Soziologische Dimension: Selbstbenennungspraktiken als kommunikative Strategien, um Gruppenzugehörigkeit zu kommunizieren und zu konstituieren in Referenz auf die Theorie der sozialen Identität (Tajfel & Turner 1986) und die Ansätze aus der Forschung zu Commuities of Practise (Lave & Wenger 1991)
  • Philosophisch-ethische Dimension: Selbsterkennungspraktiken im Spannungsfeld zwischen  einerseits Authentifizierung (oder Anonymisierung) eines Individuums als Person im Sinne Lockes (1690) sowie im nächsten Schritt als ethisches Subjekts im Sinne Kants (1785: GMS, BA 66f) und andererseits sprachlich-diskursiver Identitätskonstruktion im Sinne einer methodisch-konstruktivistischen Perspektive (Kamlah & Lorezen 1996)

Literatur
Aleksiejuk, K. (2016a). Pseudonyms. In C. Hough (Hrsg.), The Oxford Handbook of Names and Naming (S. 438-452). Oxford: Oxford University Press.

Aleksiejuk, K. (2016b). Internet Personal Naming Practices and Trends in Scholarly Approaches. In G. Puzey & L. Kostanski (Hrsg.), Names and Naming: People, Places, Perceptions and Power (S. 5-17). Bristol: Multilingual Matters.

Bedijs, K., Held, G. & Maaß, C. (2014). Introduction: Face Work and Social Media. In K. Bedijs, G. Held & C. Maaß (Hrsg.), Face Work and Social Media (= Hildesheimer Beiträge zur Medienforschung 2, S. 9-28). Wien/Zürich: LIT Verlag.

Kamlah, W. & P.  Lorenzen (1996). Logische Propädeutik. Vorschule des vernünftigen Redens. Bibliographisches Institut, Mannheim 1967, ²1973 (BI-HTB 227). Stuttgart: Metzler.

Kant, I. (1978). Akademie-Textausgabe, Bd.4: Kritik der reinen Vernunft (1. Aufl. 1781); Prolegomena; Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785); Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaften,. Berlin: de Gruyter.

Kersten, S. & Lotze, N. (im Druck). Kapitel: Englisch. In: Siever, T. & Schlobinski, P. (Hrsg.). Nicknamenwahl in sozialen Medien. Lang.

Lave, J. & Wenger, E (1991). Situated Learning: Legitimate Peripheral Participation. Cambridge: Cambridge University Press.

Locke, J. (2005). "Of Identity and Diversity." In Essay Concerning Human Understanding Volume Two. 1690 (S. 517-518). Reprint, Toronto: Dover Publications.

Nübling, D., Fahlbusch, F. & Heuser, R. (2014). Namen: Eine Einführung in die Onomastik. Tübingen: Narr.

Seargeant, P. & Tagg, C. (2014). Introduction: The language of social media. In P. Seargeant & C. Tagg (Hrsg.), The Language of Social Media: Identity and Community on the Internet (S. 1-20). Hampshire: Palgrave Macmillan.

Siever, T. & Schlobinski, P. (Hrsg.) (im Druck). Nicknamenwahl in sozialen Medien. Lang.