Multimodale (Selbst-)Positionierung von Wikipedia-Autoren auf Benutzerseiten: Die visuelle und diskursive Dimension digitaler Identitätskonstruktion

Eva Gredel
13.09.2018, 11.45 Uhr-12.30 Uhr, S06 XX, Symposium VIII

In der Wikipedia ist es verbreitet, sich anderen Autoren über die sogenannten Benutzerseiten zu präsentieren, um sich im „positionalen“ System der Diskursakteure in Wikipedia (Stegbauer 2009: 288) selbst zu verorten. Dabei wird den Autoren eine gewisse Anonymität zugestanden: Die dargelegten Eigenschaften, Fähigkeiten und Charakterzüge der auf den Benutzerseiten vorgestellten Online-Personas müssen nicht mit denen der Offline-Personas übereinstimmen. Entsprechend kreativ inszenieren Wikipedia-Autoren ihre Online-Personas mithilfe multimodaler Ressourcen wie den Babel-Bausteinen, Wikipedia-Orden oder den Varianten des Wikistress-o-Meter. Während in der Wikipedia-Gemeinschaft geregelt ist, dass jeder Nutzer nur seine eigene Benutzerseite bearbeiten darf, bieten die korrespondierenden Benutzerdiskussionsseiten auch anderen Autoren die Möglichkeit, Beiträge eines einzelnen Autors und auch dessen (Selbst-)Positionierung zu verhandeln: Die Wikipedia ist somit eine einzigartige Ressource, die es ermöglicht, neben der multimodalen Dimension auch die interaktive Dimension digitaler Identitätskonstruktion zu untersuchen.

Der Beitrag folgt dabei der Idee, diskurs- und interaktionsanalytische Ansätze zu integrieren (Gredel 2017): Während Positionierung in den letzten Jahren überwiegend in interaktions- und konversationsanalytischen Ansätzen verhandelt wurde, verweist Deppermann (2013) auf das diskursanalytische Erbe der Kategorie ‚Position’ in der Tradition Foucaults. Akteure verorten sich im Rahmen der Interaktion selbst bzw. ihr Selbst in größere soziale Strukturen und schließen an „master narratives“ an, die diskursiv etabliert und geprägt sind. Bei der Analyse von Face-to Face-Kommunikation ergibt sich jedoch häufig das methodologische Problem, dass diese diskursive Dimension der (Selbst-) Positionierung nur schwer zu rekonstruieren ist. Die Wikipedia mit den Benutzerseiten und deren Versionsgeschichten sowie den zahlreichen hypertextuellen Verknüpfungen ermöglicht es, diese beschriebene diskursive Dimension der (Selbst-)Positionierung im digitalen Diskurs der Wikipedia transparent zu machen. Der Beitrag erprobt zur Berücksichtigung der beschriebenen multimodalen und dynamischen Dimension digitaler Diskurse die Methode „Screencast Documentary“ (Rogers 2017).

 

Literatur
Deppermann, Arnulf (2013): How to get a grip on identities-in interaction: (What) Does Positioning offer more than Membership Categorization? Evidence from a mock story. In: Narrative Inquiry 23, Issue 1. Amsterdam/Philadelphia: Benjamins, 2013, 62-88.

Gredel, Eva (2017): Digital discourse analysis and Wikipedia: Bridging the gap between Foucauldian discourse analysis and digital conversation analysis. In: Journal of Pragmatics 115, 99-114.

Rogers, R. A. (2017). Doing Web history with the Internet Archive: screencast documentaries. Internet Histories: Digital Technology, Culture and Society 1 (1/2), 1-13.

Stegbauer, Christian (2009): Wikipedia. Das Rätsel der Kooperation. Wiesbaden: Springer.