Multimodale Protestpraktiken analog und digital: Zur kritischen Aneignung von Wahlplakaten vor Ort und im Netz

Sascha Michel/Steffen Pappert
13.09.2018, 09.45 Uhr-10.30 Uhr, S06 XX, Symposium VII

Auch im digitalen Zeitalter sind Wahlplakate unverzichtbarer Bestandteil einer jeden Wahlkampagne. Sich ihnen zu entziehen, ist praktisch unmöglich. Mit welchen semiotischen Mitteln und welchen persuasiven Strategien die Parteien um Aufmerksamkeit buhlen, ist Gegenstand jüngerer medien- und politolinguistischer Untersuchungen (Pappert 2017). Die Rezipientenperspektive bleibt dabei jedoch weitgehend ausgeklammert, was unter anderem damit zusammenhängt, dass die oft nur schwer zugängliche Rezeption von Wahlplakaten als „Black Box“ traditionell der Wirkungsforschung zugesprochen oder quantitativ untersucht wird (vgl. Geise 2011).

Dabei liegen unterschiedliche kommunikative Aneignungsspuren im öffentlichen Raum vor, die sich „analog“ oder „digital“ als multimodale Protestpraktiken ausprägen. Analoge Aneignungs- und Protestspuren finden sich beim so genannten Wahlplakat-Busting, bei dem Wahlplakate materiell-strukturell, thematisch-diskursiv und/oder funktional verändert werden (Michel/Pappert 2018). Diese alltagskulturellen Praktiken sind – ganz im Sinne der Cultural Studies – Ausdruck einer widerständigen, häufig satirisch-ironischen Aneignung von Wahlplakaten, bei der den Strategien der Mächtigen „lokale Taktiken“ entgegengesetzt werden (vgl. de Certeau 1988).

Digitale Aneignungs- und Protestspuren liegen bei der Anschlusskommunikation in sozialen Netzwerken vor, bei der User Wahlplakate kommentieren, bewerten, satirisch verfremden und mit Politikern und Parteien interagieren. Zudem lassen sich Rückkopplungen zwischen analogen und digitalen Aneignungs- und Protestpraktiken erkennen, nämlich dann, wenn Politiker Verfremdungen ihrer Plakate digital kommentieren.

 

Wir wollen uns in dem Vortrag mit solchen analogen und digitalen Formen der Protestkommunikation sowie mit deren intermedialem Zusammenspiel am Beispiel von Wahlplakaten beschäftigen und u.a. folgenden Fragen nachgehen:

  • Inwiefern lassen sich Aneignungsspuren von Wahlplakaten als alltägliche Form von Protestkultur begreifen?
  • Welche multimodalen Realisierungsformen (strukturell, thematisch, funktional, diskursiv) lassen sich beschreiben
  • Worin liegen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen analoger und digitaler Anschluss- und Protestkommunikation?
  • Wie reagieren Kommunikatoren (Politiker, Parteien) auf Protest? Wie lässt sich so Aneignungs- und Kommunikatorforschung miteinander verknüpfen?
  • Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede weist das Wahlplakat-Busting mit benachbarten Protestgenres wie Fakeplakaten oder Memes auf?

Zugrunde gelegt werden ein Korpus verfremdeter Wahlplakate sowie ein Korpus digitaler Anschlusskommunikation (Twitter) aus unterschiedlichen Wahlkämpfen (u.a. Landtagswahl Rheinland-Pfalz 2016, Landtagswahl Nordrhein-Westfalen 2017 sowie Bundestagswahl 2017).

 

Literatur
Certeau, Michel de (1988): Kunst des Handelns. Berlin: Merve.

Geise, Stephanie (2011): Vision that matters. Die Funktions- und Wirkungslogik Visueller Politischer Kommunikation am Beispiel des Wahlplakats. Wiesbaden: Springer VS.

Michel, Sascha/Pappert, Steffen (2018): Wahlplakat-Busting. Formen und Funktionen einer (neuen) Textmustermischung. In: Zeitschrift für Angewandte Linguistik Bd. 68/2018, S. 1-31.

Pappert, Steffen (2017): Wahlplakate. In: Niehr, Thomas / Kilian, Jörg / Wengeler, Martin (Hg.): Handbuch Sprache und Politik. Band 2. Bremen: Hempen, S. 607-626.