Mobile Sprachrepertoires: Eine Pilotstudie über Smartphone-basierte sprachliche Praktiken unter Geflüchteten

Olga Artamonova/Jannis Androutsopoulos
12.09.2018, 9.45 Uhr-10.30 Uhr, in S06 XX, Symposium I

Der Vortrag berichtet über das Design und erste Ergebnisse einer linguistisch-ethnographischen Pilotstudie zur Rolle sprachlicher Repertoires bei der Smartphone-Nutzung im Alltag von Geflüchteten. Zur theoretischen Rahmung dienen Ansätze aus Soziolinguistik (Umstrukturierung sprachlicher Repertoires unter Bedingungen von Migration und Mediatisierung, vgl. Blackledge/Creese 2017, Blommaert et al. 2017, Jacquemet 2017) und Medienwissenschaft (Rolle digitaler Medien für transnationale Mobilitäts- und Vergemeinschaftungsprozesse, vgl. Madianou 2014). Beide Aspekte kommen in Vorgängen der Flucht und anschließenden Erstorientierung auf intensiver, mitunter dramatischer Weise zum Tragen. In unserer Studie untersuchen wir (a) die Bandbreite sprachlich-kommunikativer Smartphone- Praktiken von Geflüchteten mit Fokus auf den dabei eingesetzten Sprachen bzw. Sprachmodalitäten sowie (b) die Rolle, die dabei der deutschen Sprache als Handlungsressource bzw. Lerngegenstand zukommt. Smartphones werden dabei als polyvalente kommunikative Ressourcen verstanden, die einerseits gesprochen bzw. geschrieben realisierte Interaktionsverläufe, andererseits eine Vielfalt sprachlich gestützter digitaler Praktiken (digital literacies) ermöglichen. Bisher erhobene Daten umfassen ethnographische Feldnotizen, Interviews und kurze Videoaufnahmen mit Geflüchteten aus Afghanistan und Syrien, die seit drei bis fünf Jahren in Deutschland leben und größtenteils in einer Hamburger Folgeunterkunft wohnhaft sind. Erste Auswertungen legen eine dreifache Differenzierung ihrer sprachlichen Praktiken am Smartphone nahe. Erstens gehen Alters- bzw. Generationenunterschiede mit unterschiedlichen Medienwahlen und präferierten Sprachmodalitäten einher. Zweitens hängt die zur Informationssuche eingesetzte Sprache von der jeweils relevanten Lebensdomäne ab. Drittens sind Einschränkungen der distanten Interaktionspartner für die Sprach-, Medien- und Modalitätswahl der Gefluchteten in Deutschland ausschlaggebend. Die Daten bieten zudem erste Einsichten über die Rolle von Smartphones als generationsübergreifende Sprachlernmittel.

Literatur
Blackledge, A. / A. Creese (2017) Translanguaging in mobility. In: S. Canagarajah (ed.) The Routledge handbook of migration and language. Abingdon/New York, NY: Routledge.

Blommaert, J. et al. (2017) Complexity, mobility, migration. In: S. Canagarajah (ed.) The Routledge handbook of migration and language. Abingdon/New York, NY: Routledge.

Jacquemet, M. (2017) Sociolinguistic Superdiversity and Asylum. Tilburg Papers in Cultural Studies, 171.

Madianou, M. (2014) Polymedia communication and mediatized migration: an ethnographic approach. In K. Lundby (ed.) Mediatization of Communication. Berlin: de Gruyter.