Mensch-Roboter-Interaktion als Forschungsinstrument der Interaktionalen Linguistik. Ein Roboter als Museumsführer?

Karola Pitsch
12.09.2018, 11.45 Uhr-12.05 Uhr, S06 XX, Symposium III

Im Zuge der verstärkten Digitalisierung von Kommunikationsprozessen hat sich in den letzten Jahren neuer Forschungszweig herausgebildet, der ein herausforderndes Betätigungsfeld für die Interaktionale Linguistik darstellt: Social Robotics bzw. Human-Robot/Agent-Interaction (Dautenhahn 2014). In dem Maße, in dem technische Artefakte - wie z.B. (humanoide) Roboter, multimodal-multimediale Sprachdialogsysteme etc. - mit Mitteln natürlichsprachlicher Kommunikation vom Nutzer intuitiv bedienbar werden sollen, stellt sich die praktische und konzeptuelle Frage, wie solche Mensch-Maschine-Interfaces gestaltet werden können. Das multimodale Kommunikations- und Interaktionsverhaltens der technischen Artefakte muss entsprechend designed und modelliert werden, worin eine zentrale interdisziplinäre Schnittstelle zwischen insbesondere Informatik und Interaktionaler Linguistik/Kommunikationsforschung besteht (Pitsch et al. 2013, 2014).

Eine grundlegende Herausforderung im Design des multimodalen Kommunikationsverhaltens besteht in der Dynamik und Kontingenz menschlicher Interaktion: Während der Ablauf menschlicher Kommunikation nicht im Detail vorhersehbar ist, setzt technische Modellierung (bis dato) weitgehend die Planbarkeit von Handlungsabläufen voraus (Suchmann 1987, Schegloff 1996). 

Am Anwendungsfall und Forschungsprojekt eines humanoiden Roboters, der als Museumsführer Besucher in einer Ausstellung Informationen über Exponate anbieten soll (u.a. Pitsch 2016), werden wir im vorliegenden Beitrag herausarbeiten und diskutieren, inwiefern die Interaktionale Linguistik durch die Kooperation mit der Informatik im Bereich der Mensch-Roboter-Interaktion ein neuartiges Instrument für die multimodale Interaktionsforschung gewinnt, das einen inkrementellen Forschungszyklus aus Analyse von menschlicher Kommunikation, interaktionaler und technischer Modellierung, Erprobung in Mensch-Roboter-Studien, deren Evaluierung und Weiterführung der Fragestellung ermöglicht. Hierbei treten insbesondere Fragen der Präzision in der analytischen Beschreibung, des Zwangs zur Systematisierung, der Verbindung von qualitativen Fallanalysen und quantifizierenden Corpus-Analysen sowie die Einbeziehung neuer Aufzeichnungsverfahren (z.B. MotionCapture) in den Blick, die konzeptuelle wie methodologische Herausforderungen für die Interaktionale Linguistik bieten. Diese werden an Studie-Beispielen diskutiert, die ein hohes Maß interaktiver Koordinierung erfordern: die Eröffnung von Interaktion und der Verweis auf Objekte im Raum (Pitsch et al. 2016, Gehle et al. 2017).

 

Literatur
Dautenhahn, K. (2014): Human-Robot-Interaction. In: R. F. Dam & M. Soegard (Hg.): The Encyclopedia of Human-Computer-Interaction (2. Auflage). Aarhus, Denmark: The Interaction Design Foundation.

Gehle, R./Pitsch, K./Dankert, T./Wrede, S. (2017): How to Open an Interaction Between Robot and Visitor? Strategies to Establish a Focused Encounter in HRI. Paper presented at the HRI 2017, Vienna, 187-195.

Pitsch, K./Vollmer, A.-L./Mühlig, M. (2013): Robot feedback shapes the tutor's presentation. How a robot's online gaze strategies lead to micro-adaptation of the human's conduct. Interaction Studies, 14 (2), 268-296.

Pitsch, K./Vollmer, A.-L./Rohlfing, K., Fritsch, J./Wrede, B. (2014): Tutoring in adult-child-interaction: On the loop of the tutor's action modification and the recipient's gaze. Interaction Studies, 15 (1), 55-98. 

Pitsch, K. (2016): Limits and Opportunities for Mathematizing Communicational Conduct for Social Robotics in the Real-World? - Towards enabling a Robot to make use of the Human's Competences. AI & Society, 31(4), 587-593.

Pitsch, K./Dankert, T./Gehle, R./Wrede, S. (2016):  Referential practices. Effects of a museum guide robot suggesting a deictic 'repair' action to visitors attempting to orient to an exhibit. Paper presented at the Ro-Man 2016, New York, 225-231.

Suchman, L. (1987): Plans and Situated Actions. The problem of human machine communication. Cambridge: Cambridge University Press.

Schegloff, E. A. (1996): Issues of Relevance for Discourse Analysis: Contingency in Action, Interaction, and Co-Participant Context. In: E. H. Hovy & D. R. Scott (Hg.): Computational and Conversational Discourse: Burning Issues - An Interdisciplinary Account: Springer, 3-38.