„Mediatisierungslinguistik“: Die linguistische Erforschung mediatisierter Alltagskommunikation

Sascha Michel
12.09.2018, 16.45 Uhr-17.05 Uhr, S06 XX, Symposium III

Die Linguistik untersucht mediensprachliche Phänomene als Medienpraktiken traditionell in erster Linie aus Kommunikatperspektive. Hier stehen ihr z.B. unterschiedliche pragmatische und textlinguistische Beschreibungsebenen zur Verfügung, um das Sprachhandeln als Realisierung von Mustern auf unterschiedlichen Ebenen zu erfassen (vgl. Marx/Weidacher 2014). Die medien- und kommunikationswissenschaftliche Mediatisierungsforschung, die die alltägliche Durchdringung von Medien(-kommunikation) fokussiert, setzt am sprach-handelnden Subjekt an und überwindet die Kommunikatgrenze, indem sie beispielsweise auch ethnografische Beobachtungen und metareflexive Überlegungen des Kommunikators berücksichtigt (vgl. Krotz 2007; Krotz/Hepp 2012).

Wie kann die Mediatisierungsforschung nun für die Angewandte Linguistik fruchtbar gemacht werden? Ausgehend vom Konzept einer Medienkulturlinguistik (vgl. Klemm/Michel 2014), das Kommunikator-, Kommunikat- und Aneignungsebene miteinander verknüpft und transdisziplinäre Anleihen bei Theorien und Methoden aus benachbarten Disziplinen macht, soll in dem Vortrag das Konzept einer Mediatisierungslinguistik vorgestellt werden, das Mediensprache und (multimodale) -Kommunikation aus holistischer Perspektive ins Zentrum rückt.

Am Beispiel des Handlungsfelds Politik soll empirisch folgenden Fragen nachgegangen werden (vgl. Michel 2018):

  • Welcher theoretische Überbau aus benachbarten Disziplinen (z.B. Goffmans Rollentheorie und Theatermetaphorik, „Participation Framework“, vgl. Gofmann 1981, 1993) ist notwendig, um den Untersuchungsgegenstand adäquat zu verorten?
  • Inwiefern können die soziologischen „Studies of Work“ (vgl. Bergmann 2006) und die in der Psychologie verankerte „Subjektive Theorie“ (vgl. Groeben et al. 1988) einen geeigneten Rahmen für die Untersuchung der mediatisierten Kommunikatorperspektive bereitstellen?
  • Welche (triangulierten) ethnografischen Methoden (z.B. Begleitung, Feldforschung, Tiefeninterviews, Lautes Denken) lassen Rückschlüsse auf die (quantitative und qualitative) Verteilung medialer und nicht-medialer Kommunikation, auf die individuelle Bedeutung von Medien, Dispositiven und Zeichensystemen zu (vgl. Medienenrepertoires und -ensembles, vgl. Hasebrink/Hepp 2017)?
  • Wie lassen sich – soziopragmatisch häufig unterspezifizierte – Kommunikate durch kommunikatorbezogene retrospektive Reflexionen kontextualisieren?
  • Auf welchen linguistischen Ebenen lässt sich Mediatisierung kommunikatbezogen beschreiben?
  • Welche Typen und Kategorien einer mediatisierten Nutzung von (sozialen) Medien lassen sich durch die Verknüpfung von Kommunikator und Kommunikat ableiten?
  • Wie können die drei mediatisierten Ebenen des Kommunikators, des Kommunikats und der Aneignung (also hier weitere Akteure wie Bürger und Journalisten) sinnvoll miteinander kombiniert und aufeinander bezogen werden?

Es soll gezeigt werden, dass Mediatisierungslinguistik nicht nur soziolinguistische Fragestellungen (vgl. Androutsopoulos 2014) aufgreifen, sondern auch Impulse für die soziopragmatische und medienlinguistische Erforschung von alltagsdurchdringender Mediensprache geben kann.

 

Literatur
Androutsopoulos, Jannis K. (2014): “Mediatization And Sociolinguistic Change. Key Concepts, Research Traditions, Open Issues”. In: Androutsopoulos, Jannis K. (Hg.): Mediatization and Sociolinguistic Change. Berlin/New York: de Gruyter, 3-48.

Bergmann, Jörg R. (2006) „Studies of Work“. In: Ayaß, Ruth/ Bergmann, Jörg R. (Hg.): Qualitative Methoden der Medienforschung. Reinbek: Rowohlt. 391-405.

Goffman, Erving (1981): Forms of Talk. Pennsylvania: University of Pennsylvania.

Goffman, Erving (1993): Rahmen-Analyse: ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen. 3. Auflage. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Groeben, Norbert/Wahl, Diethelm/Schlee, Jörg/Scheele, Brigitte (1988): Forschungsprogramm Subjektive Theorien. Eine Einführung in die Psychologie des reflexiven Subjekts. Tübingen: Francke.

Hasebrink, Uwe/ Hepp, Andreas (2017): “How to research cross-media practices? Investigating media repertoires and media ensembles.” In: Convergence: The International Journal of Research into New Media Technologies. http://journals.sagepub.com/eprint/djBhb9B2IjJNqTfhx8X5/full (abgerufen am 19.02.2018).

Klemm, Michael/Michel, Sascha (2014): „Medienkulturlinguistik. Plädoyer für eine holistische Analyse von (multimodaler) Medienkommunikation“. In: Benitt, Nora/Koch, Christopher/Müller, Katharina/Saage, Sven/Schüler, Lisa (Hg.): Kommunikation – Korpus – Kultur: Ansätze und Konzepte einer kulturwissenschaftlichen Linguistik. Trier: Wissenschaftlicher Verlag (WVT). 183–215.

Krotz, Friedrich (2007): Mediatisierung: Fallstudien zum Wandel von Kommunikation. Wiesbaden: VS.

Krotz, Friedrich/Hepp, Andreas (Hg.) (2012): Mediatisierte Welten. Forschungsfelder und Beschreibungsansätze. Wiesbaden: Springer VS.

Marx, Konstanze/Weidacher, Georg (2014): Internetlinguistik: Ein Lehr- und Arbeitsbuch. Tübingen: Narr.

Michel, Sascha (2018): Mediatisierungslinguistik. Medienkulturlinguistische Untersuchungen zur Mediatisierung am Beispiel des Handlungsfeldes Politik. Unveröffentlichte Dissertation, Universität Koblenz-Landau.