Linguistik und psychologische Täuschungsforschung – das Problem verbaler Lügenindikatoren

Eilika Fobbe
12.09.2018, 09.20 Uhr-09.40 Uhr, S06 XX, Symposium III

Seit langem widmen sich Teile der Verhaltens- und der Sozialpsychologie der Sprache, ihrer Bedeutung für den Einzelnen und für seine Beziehung zu anderen. In diesem Zuge haben zahlreiche Studien den Sprachgebrauch von Probanden analysiert, mit dem Ziel, so Erkenntnisse über deren psychische Verfassung zu gewinnen. Insbesondere die Täuschungsforschung befasst sich mit der Frage, ob ein bestimmter Sprachgebrauch als Lügenindikator dienen kann. Die Zielsetzungen und die Hypothesen dieser Studien sind zum Teil recht weitreichend, wird doch angenommen, dass sich anhand der Sprache oder am Gebrauch verschiedener Wörter feststellen lasse, ob Personen aufrichtig oder unaufrichtig sind bzw. ob sie lügen oder die Wahrheit sagen. Die betreffenden Studien arbeiten durchgängig mit quantitativ bzw. statistisch ausgewerteten Korpora; und dass die Anwendung statistischer Verfahren statistisch signifikante Ergebnisse hervorbringt, vermittelt auf der Anwendungsebene eine Schlüssigkeit, hinter der methodologische Fragen zu den unausgesprochenen linguistischen Vorannahmen leicht aus dem Blickfeld geraten.

Mit dieser Bewertung des individuellen Sprachgebrauchs handelt die Psychologie ganz offensichtlich auf der Grundlage stiltheoretischer Annahmen, die ihrerseits auf einer Sprachtheorie basieren, ohne dass (auch in den Augen der Sozialpsychologie, vgl. Schober 2016) weder das eine noch das andere ausreichend explizit gemacht oder ausreichend reflektiert würde. Finden sich Ausführungen, so entsprechen sie im Allgemeinen dem aktuellen linguistischen Erkenntnisstand nicht, so dass eine kritische Auseinandersetzung geboten erscheint. Vereinzelte methodologische Bedenken hinsichtlich der Verwendung sprachlicher Merkmale in der Täuschungsforschung kommen von psychologischer Seite; so äußert jüngst Hauch (2016) in ihrer Meta-Analyse zu Lügenmerkmalen Bedenken gegenüber einer computerbasierten Anwendung auf den forensischen Kontext und fordert u.a. die Berücksichtigung der Erzählensbedingungen. Es bleibt damit eine aktuelle Herausforderung der angewandten Linguistik, die Adäquatheit dieser Form der Interpretation von Sprache sowie darauf basierende Anwendungen kritisch zu beleuchten. Die besondere Problematik der Erforschung von Lügenmerkmalen liegt in ihren weitreichenden Implikationen: Untersuchungen, die über die Auswertung der Sprache Rückschlüsse auf die Psyche der Sprecher zulassen, sind für die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Akteure von hoher Relevanz, und die Anwendung der betreffenden Instrumentarien (z.B. im Rahmen der Auswertung digitaler Kommunikation) kann zu sehr konkreten und mitunter weitreichenden Konsequenzen für die Betroffenen führen.

Der Vortrag stellt zunächst in ausgewählter Form psychologische Studien zu verbalen Merkmalen vor und führt dann am Beispiel des von Pennebaker entwickelten Wörterbuchs LWIC in einen prominenten Bereich der psychologischen Sprachanalyse ein. Ein zentraler Punkt wird die Analyse des zugrunde liegenden Stilkonzepts sein. Der Vortrag erläutert anschließend exemplarisch am Merkmal der sog. Selbst-Referenz, wie Selbst-Referenz psychologisch definiert wird, wie sie linguistisch zu betrachten ist und welche Vorschläge die Linguistik zu ihrer Definition zu machen hat. Nach Auswertung der Annahmen zum Sprecherverhalten seitens der Psychologie, die auf der An- bzw. Abwesenheit von „Selbst-Referenz“ basieren und der Ergebnisse diesbezüglicher Studien, wird schließlich aus linguistischer Sicht zu erörtern sein, welche sozialen, situativen und kommunikativen Aspekte einen bestimmten Sprachgebrauch eines Sprechers befördern können.

 

Literatur
Schober, Michael (2016): Language at the heart of social psychology. In: Fiedler, Klaus (Hg.): Social communication [reprint], Abingdon/New York, 435-440.

Hauch, Valerie (2016): Meta-analyses on the detection of deception with linguistic and verbal content cues. Dissertation, Justus-Liebig-Universität, Gießen.

Fobbe, Eilika (2011): Forensische Linguistik. Eine Einführung, Tübingen.

Newman, M. L./Pennebaker, J. W./Berry, D. S./Richards, J. M. (2003): Lying words: Predicting deception from linguistic style. In: Personality and Social Psychology Bulletin 29, 665-675.