Leseschwierigkeiten antizipieren: eine Laut-Denk-Studie mit Lehramtsstudierenden

Inger Petersen/Kristina Peuschel
13.09.2018, Poster-Session

Im Kontext von Zuwanderung, Deutsch-Erwerb und bildungssprachlichen Defiziten zahlreicher Zielgruppen und deren Auswirkungen auf Bildungserfolg stehen die sprachlichen und vor allem literalen Fähigkeiten von Schülerinnen und Schülern im Fokus zahlreicher Studien. Durch die Forderung nach einem Mehr an fachintegrierter Deutsch-als-Zweitsprach-Förderung und Sprachbildung steht auch die universitäre Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern vor neuen Herausforderungen: Lehramtsstudierende aller Fächer sollen zur Planung und Durchführung eines sprachbildenden Fachunterrichts befähigt werden, dessen Lehrmaterialgrundlage in der Regel Schulbücher und Schulbuchtexte sind. Im Rahmen eines solchen Unterrichts müssen Lehrkräfte einerseits die sprachlichen Voraussetzungen ihrer Schülerinnen und Schüler diagnostizieren, andererseits die sprachlichen Anforderungen der Lehr-Lernmaterialien einschätzen können, um Schwierigkeiten zu antizipieren und ggf. Unterstützungsmaßnahmen anzubieten. Zur Einschätzung von vorhersagbaren Leseschwierigkeiten ist demnach eine doppelte Perspektive notwendig – die auf linguistischem, grammatischem Basiswissen aufbauende Textanalyse sowie die Übernahme der Perspektive der Schülerinnen und Schüler und ihrer sprachlichen und fachlichen Voraussetzungen für das Lesen von Lehrwerkstexten im Unterricht.

Der Vortrag zeigt anhand von Daten einer Laut-Denk-Studie, wie Lehramtsstudierende unterschiedlicher Fächer (n = 16) die Aufgabe, eine solche doppelte Perspektive einzunehmen, lösen. Die Daten des Vortrags stammen aus einer Studie im Projekt GraF (Grammatik für den Fachunterricht), das an den Universitäten Kiel (Prof. Dr. Inger Petersen) und Tübingen (Prof. Dr. Kristina Peuschel) angesiedelt ist und das sich zum Ziel gesetzt hat, das für den sprachbildenden Fachunterricht benötigte grammatische Basiswissen näher zu bestimmen. In der Studie wurden die Studierenden dazu aufgefordert, Lehrbuchtexte der Sekundarstufen zu analysieren und dabei laut denkend potentielle sprachliche Herausforderungen zu benennen (vgl. Knorr/Schramm 2012). Die Audiodaten, die in GAT2-Transkripten vorliegen, zeigen unter anderem, dass es den Studierenden große Schwierigkeiten bereitet, vom eigenen Leseprozess abstrahierend die Perspektive der Schülerinnen und Schüler als zukünftigen Rezipientinnen und Rezipienten der Texte einzunehmen und tatsächlich potentielle Herausforderungen des Lesens zu erkennen. Die Gründe hierfür liegen mglw. in vielfach mangelndem Vorwissen der Studierenden: einerseits in mangelndem grammatischem Basiswissen zur präzisen Beschreibung der sprachlichen Herausforderungen, andererseits in mangelndem Wissen über Spracherwerbsprozesse und erst-, zweit- und fremdsprachige Leseprozesse. Neben der Präsentation von Ergebnissen der Studie soll in dem Vortrag auch diskutiert werden, inwieweit sich die Methode des Lauten Denkens als Forschungsmethode in dieser Studie und auch ganz allgemein im Bereich von Studien zur Textrezeption und Textanalyse eignet.

 

Literatur
Knorr, P., & Schramm, K. (2012). Datenerhebung durch Lautes Denken und Lautes Erinnern in der fremdsprachendidaktischen Empirie. In S. Doff (Ed.), Fremdsprachenunterricht empirisch erforschen: Grundlagen, Methoden, Anwendung. (pp. 184 - 201). Tübingen: Narr.