Kulturelle Diversität sprachlicher und körperlicher Praktiken im DaZ-Unterricht

Jana Bressem, Uta Großmann, Silva H. Ladewig
14.09.2018, 11.15 Uhr-11.35 Uhr, S06 XX, Symposium X

Angesichts steigender Einwanderung sind Sprachenvielfalt und kulturelle Diversität ein zentrales gesellschaftliches Thema geworden. Die Vermittlung des Deutschen nimmt dabei eine besondere Rolle ein, denn Sprache ist conditio sine qua non für gesellschaftliche Teilhabe und sprachliche Integration damit die zentrale gesellschaftliche und schulische Aufgabe. Spracharbeit ist dagegen häufig auf die Vermittlung grammatischer und semantischer Inhalte konzentriert. Jedoch wenn Menschen sprechen, tun sie dies nicht nur mit dem Mund, sondern setzen auch ihren Körper ein. Vor dem Hintergrund der These, dass didaktisches Handeln in Lehr-Lernkontexten stets sprachlich und körperlich vollzogen wird, zeigt der Vortrag, welche Bedeutung sprachlichem und körperlichem Verhalten in der Sprachvermittlung in DaZ-Willkommensklassen zukommt. Insbesondere stellt er heraus, dass kulturelle Diversität sprachlicher und körperlicher Praktiken Konfliktpotenzial für Verstehensprozesse hat und sich negativ auf den Lernfortschritt als auch die soziale Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden auswirken kann.

Hierfür greift der Vortrag auf einen Korpus von videographischen Daten aus den Jahren 2016/2017 zurück, der die Sprachvermittlung in Willkommensklassen mit Schüler*innen im Alter von 13-17 Jahren dokumentiert. Wie Studien aus dem DaZ-Bereich bereits skizzierten, können konventionalisierte Gesten, die festen Gebrauchsstandards unterliegen, Auslöser für Missverständnisse sein (vgl. Kleppin 1991). Dieser Gestentypus soll auch im Fokus unserer exemplarischen Analysen stehen, die wir im Vortrag untersuchen wollen. Der analytische Zugang speist sich aus der Zweitspracherwerbsforschung (Diehl 2000), vor allen den Ergebnissen zur Profilanalyse (Grießhaber & Heilmann 2012) und der linguistischen Gestenanalyse (Müller, Ladewig & Bressem 2013). Ein Beispiel, das an dieser Stelle genannt werden soll, bezieht sich auf die Geste einer Schülerin, die sich den Mund mit der Hand zuhält, während sie an der Tafel eine Aufgabe lösen soll. Daraufhin entgegnet ihr die Lehrerin „Nimm doch mal die Hand vom Mund, das brauchst du in Deutschland nicht.“ Als Reaktion auf diese Äußerung nimmt die Schülerin ihre Hand vom Mund, spricht aber fortan merklich leiser und unverständlicher zur Tafel, was sich in permanenten, nicht-adäquaten Korrekturäußerungen der Lehrerin niederschlägt.

Das beschriebene Beispiel ist eins von zahlreichen Fällen, welches zeigt, dass aufgrund kultureller Diversität sprachlicher und körperlicher Praktiken von sowohl Lehrenden als auch Lernenden Missverstände entstehen, die zur Demotivation Lernender, zur Fossilierung oder gar zur Stagnation des Spracherwerbs führen können und somit negative Auswirkung auf die angestrebte gesellschaftliche Partizipation von Kindern mit Migrationshintergrund haben.

 

Literatur
Diehl, E., H. Christen, S. Leuenberger, I. Pelvat, T. Studer, Therese (2000): Grammatikunterricht – alles für die Katz? Untersuchungen zum Zweitspracherwerb Deutsch. Tübingen: Niemeyer.

Grießhaber, W. & B. Heilmann (2012). Diagnostik & Förderung – leicht gemacht. Stuttgart: Ernst Klett Sprachen GmbH.

Kleppin, K. (1991). Die Bedeutung der nonverbalen Komponente für den Lehr-Lern-Diskurs Deutsch als Fremdsprache. In: IVG Begegnung mit dem 'Fremden'. Grenzen - Traditionen -Vergleiche. Akten des VIII. Internationalen Germanisten-Kongresses, Tokyo 1990 (Bd. 5) Deutsch als Fremdsprache. München, S. 33–40.

Müller, C., J. Bressem & S. H. Ladewig (2013). "Towards a Grammar of Gesture: A Form-Based View." In: Cornelia Müller, Alan Cienki, Ellen Fricke, Silva H. Ladewig, David McNeill & Sedinha Teßendorf (eds.), Body – Language – Communication. An International Handbook on Multimodality in Human Interaction. (Handbooks of Linguistics and Communication Science 38.1.), Berlin/ Boston: De Gruyter Mouton, S. 707-33.