Konstruktion von “Normalität“ in der Kommunikation von neu zugewanderten Jugendlichen an BKs – erste Falldarstellungen

Olga Groh
13.09.2018, Poster-Session

Seit Anstieg der Migrationsbewegung nach Deutschland mit dem Peak 2015 ist eine hohe Anzahl 16-18-Jähriger noch schulpflichtiger Jugendlicher nach Deutschland neu zugewandert (vgl. Massumi et al. 2015).

Der Unterricht ist gekennzeichnet durch hohe Fluktuation bedingt durch eine zu klärende Bleibeperspektive, Fluchterfahrungen, eine familiär unterschiedliche Lebens- und Unterbringungssituation und deren Auswirkungen auf das allgemeine Lernen in der Klasse.  Die verbleibende verpflichtende Beschulungszeit ist kurz und wird durch die hohe Diversität der Beschulungsmodelle bis zum Übergang in den Regelunterricht noch stärker verkürzt. Sie ist in Berufsschulen dazu prekär, da hiermit eine Vermittlung in den Arbeitsmarkt verbunden ist (vgl. Baumann/ Riedl 2016). Aus Praxissicht unterscheidet sich dabei die Deutschlernmotivation der einzelnen Schüler*innen, die einen essentiellen Erfolgsfaktor am Standort Schule in Deutschland darstellt, abhängig vom beschriebenen Kontext, aber auch von der schulischen Vorbildung und Lernsozialisation der neu zugewanderten Jugendlichen (Niederhaus/ Schmidt 2016).

Eine individuelle Eigendynamik der Deutschlernmotivationsentwicklung entsteht durch die situationsbezogene Lernzielpriorisierung, die neben oben beschriebenen Faktoren auch durch Identifikation und Wertzuschreibung zur Peer-Group/ Zielgesellschaft im Zielsprachenland beeinflusst wird (Mercer 2011; Dörnyei 2015). Funktional Einfluss nehmend sind in diesem Zusammenhang Situationsattribuierungen, die auf die Bedürfnispyramide nach Maslow (1943) zurückgeführt werden können. Aufgrund dieser kann unterbewusst entschieden werden, welches Bedürfnisbefriedigung zunächst nachgegangen werden muss.

Anhand der Forschungsfragen zur Entwicklung der Deutschlernmotivation wurden sieben Interviews mit neu zugewanderten Jugendlichen an Berufskollegs in NRW durchgeführt. Es werden erste Falldarstellungen der Analysen, basierend auf dem Grounded-Theory-Forschungsparadigma (Equit/ Hohage 2016), dargestellt. Eine augenfällige Konstante in der Interviewanalyse scheint die Art der Konstruktion von Normalität/ Kontinuität im Zielland Deutschland in der Kommunikation der Jugendlichen zu sein (vgl. Tov 2009). Daraus lassen sich erste Rückschlüsse auf die motivationalen Selbstkonzepte und Entwicklungslinien der Deutschlernmotivation kurz nach Einreise nach Deutschland ziehen.

Literatur
Baumann, B.; Riedl, A. (2016): Neu zugewanderte Jugendliche und junge Erwachsene an Berufsschulen. Ergebnisse einer Befragung zu Sprach- und Bildungsbiographien, Peter Lang: Frankfurt/M. u. a.

Dörnyei. Z.; MacIntyre, P.; Henry, A. (Hrsg.) (2015): Motivational dynamics in language learning. Bristol: Multilingual Matters. (Reprinted by the Shanghai Foreign Language Education Press in 2016.)

Equit, C.; Hohage, C. (Hrsg.) (2016): Handbuch Grounded Theory. Von der Methodologie zur Forschungspraxis. Weinheim, Basel: Beltz Juventa

Massumi, M., von Dewitz, N., Grießbach, J., Terhart, H., Wagner, K., Hippmann, K. et al. (2015): Neu zugewanderte Kinder und Jugendliche im deutschen Schulsystem. Köln: Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache und Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln