Ist Leichte Sprache wirklich leicht? Eine vergleichende Rezeptionsstudie verschiedener Adressatengruppen

Silvia Hansen-Schirra/Silke Gutermuth
14.09.2018, 12.00 Uhr-12.45 Uhr, S06 XX, Symposium IX

Die adressatenorientierte Vermittlung von Fachinhalten innerhalb einer Sprache durch intralinguale Übersetzung gehört zu den konstanten Herausforderungen in der Experten-Laien-Kommunikation. Aufgrund geänderter Rechtsgrundlagen fordern immer mehr Menschen mit Behinderung ihr Recht auf freien Informationszugang ein. Im Zuge von Barrierefreiheit und Inklusion besteht vermehrter Bedarf an komplexitätsreduzierten und gleichzeitig verständnisoptimierten Texten. Dem wird versucht, durch Verwendung kontrollierter Sprachvarietäten wie beispielsweise in Form von Leichter Sprache gerecht zu werden. Im Hinblick auf die linguistische Komplexitätsreduktion wird die Auswahl der sprachlichen Mittel durch die Dynamik von Textsender und Textempfänger beeinflusst: der Sprecher hat das Bedürfnis, vom Hörer verstanden zu werden; Sprecher und Hörer müssen wechselseitig Produktions- bzw. Verstehensmöglichkeiten antizipieren. Da die Zielgruppen der Leichten Sprache extrem heterogen sind, ist der Strategieraum, der durch diese Dynamik entsteht, oft nicht klar abzugrenzen. Die Komplexitätsreduktion zeigt ihre Wirkung im sprachlichen Ausdruck nicht nur auf der Mikroebene konkreter Einzelinteraktionen (Gebrauchsperspektive), sondern auch in den grammatischen Eigenschaften von Sprachvarietäten (Systemperspektive), etwa bezüglich der Frage, welche grammatischen Kategorien obligatorisch oder optional realisiert werden und wie ihre Funktionen sich ändern und interagieren. Ohne empirische Rezeptionsstudien bleibt unklar, ob die vom Textsender intendierte Auswahl an sprachlichen Mitteln tatsächlich auch komplexitätsreduzierend wirkt und zur Textverständlichkeit beiträgt oder ob sie verschiedene Rezipientengruppen nicht eher unterfordert und aus diesem Grund den Leseprozess hemmt. Daher sollten von der Rezeptionsperspektive her die Verständlichkeit, die Effektivität und die Usability der im Strategieraum vorhandenen Operationalisierungsmöglichkeiten unter Berücksichtigung der heterogenen Bedürfnisse der Adressatengruppen der Leichten Sprache getestet werden.

Diese Forschungslücke versucht unser Beitrag zu schließen. Sowohl die Enkodierung, d.h. die Textproduktion, als auch die Dekodierung, d.h. die Textrezeption, von sprachlichem Material, das in der Leichten Sprache verwendet wird, wird messbar gemacht. In einem ersten Schritt untersuchen wir Eigenschaften der Leichten Sprache empirisch. Ein kleines Korpus bestehend aus Webseiten unseres Kooperationspartners, des Ministeriums für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie in Rheinland-Pfalz wird korpuslinguistisch auf verschiedenen linguistischen Ebenen (Morphologie, Lexik, Grammatik) analysiert. Auf dieser Basis können typische Eigenschaften der Leichten Sprache quantifiziert und im Hinblick auf die linguistische Komplexität dieser Sprachvarietät interpretiert werden. Inwiefern diese Eigenschaften und Regeln aber auch lesbarkeits- und verständnisfördernd wirken, wird in einer Rezeptionsstudie erforscht. Hierfür wird in einem zweiten Schritt das Blick- und Leseverhalten unterschiedlicher Zielgruppen (Probanden mit kognitiven Beeinträchtigungen, Probanden mit Migrationshintergrund, etc.) mit einem Eyetracker aufgezeichnet und im Hinblick auf die verschiedenen Komplexitätsstufen der Textvarianten interpretiert. Zusätzlich werden Verständlichkeits- und Recall-Tests durchgeführt. Die Triangulation der Produkt- und Prozessdaten lässt erstmalig die Korrelation zwischen textuellen Enkodierungsstrategien und den damit verbundenen kognitiven Dekodierungsprozessen für die Leichte Sprache und somit Schlussfolgerungen über die Effizienz im Hinblick auf die Lesbarkeit und Verständlichkeit dieser Textvariante zu.