Informations- und Ratgeberbroschüren zum Nachbarrecht zwischen Information und Persuasion

Helge Missal
12.09.2018, 11.45 Uhr-12.30 Uhr, S06 XX, Symposium IV

Der Einzelne ist in eine Vielzahl von gesellschaftlichen Teilbereichen eingebettet: als Kunde eines Supermarktes ins Wirtschaftssystem, als Wähler in das politische System oder als Patient in das Gesundheitssystem. Die komplexe moderne Gesellschaft bildet einen Ankerpunkt für vielfältige Beratungsangebote. Quer durch alle gesellschaftlichen Bereiche wird propagiert und suggeriert, dass jeder in irgendeiner Hinsicht optimierungsbedürftig ist.

Betrachtet man vor diesem Hintergrund die juristische Vermittlungskommunikation, wird deutlich, dass sich auch diese unter den Begriff Beratung subsumieren lässt. So publizieren Bundes- sowie Länderministerien Broschüren, um juristische Informationen und Empfehlungen der Öffentlichkeit näherzubringen. Der Beitrag soll die externe juristische Vermittlungskommunikation am Beispiel von Informations- und Ratgeberbroschüren zum Nachbarrecht aufzeigen. Mit dieser Textsorte soll sich an Nachbarn gewandt und etwaige Frage- und Problemstellungen gelöst werden. Titel wie „Tips für Nachbarn“ (Niedersachsen 1987) oder „Thüringer Ratgeber: Nachbarrecht“ (Thüringen 2012) deuten darauf hin, dass die Bundesländer mit diesen Publikationen nicht nur ihrer verfassungsmäßigen Verpflichtung zur Unterrichtung der Öffentlichkeit nachkommen, sondern darüber hinaus mit persuasiven Strategien versuchen, das Handeln der Rezipienten zu beeinflussen.

Die Textsorte Informations- und Ratgeberbroschüre zum Nachbarrecht besteht aus den Teiltextsorten Impressum, Verteilerhinweis, ministerielles Grußwort, inhaltliche Erläuterungen zum Nachbarrecht sowie Rechtsquellen. Jede dieser Teiltextsorten ist auf spezifische funktionale Erfordernisse ausgerichtet. Um diese sowie die Versprachlichung adäquat beschreiben zu können, wird ein interdisziplinärer Zugang gewählt. Die Analysemethode umfasst systemtheoretische, akteurtheoretische sowie (text-)linguistische Parameter. So werden neben der Text- und Bewirkungsfunktion auch die Bereichsfunktion und die Verankerung in der Kommunikationsstruktur berücksichtigt, da die Textsorte als kommunikative Struktur im Dienste des funktionalen Teilsystems Politik angesehen wird. Politische Akteure publizieren die Broschüre, um einerseits auf das Rechtssystem und andererseits auf die Akteurkonstellation Nachbarschaft im Sinne einer systemtheoretischen Beobachtungsoperation zu blicken. Von Interessen sollen hierbei auf sprachlicher Ebene die Sprachhandlungen, die gewählte Lexik, aber auch verwendete Topoi sein.

Im Verlauf der Broschüre lässt sich ein Schwenk von sozialen Aspekten der Nachbarschaft hin zu juristischen Aspekten erkennen und auf der sprachlichen Ebene nachzeichnen.

Durch die Analyse der komplexen Textsorte sollen unter Berücksichtigung der Bezugspunkte Nachbarschaft, Nachbarrecht und Beratung die Funktionen sowie sprachliche Charakteristika aufgezeigt und die oben genannte These, dass nicht nur Informationen vermittelt, sondern auch das Verhalten von Nachbarn beeinflusst wird, verifiziert werden.