50 Jahre Gesellschaft für Angewandte Linguistik (GAL e.V.)

Fotos: © Gisela Brünner, Dortmund

 

Fünfzig Jahre Gesellschaft für Angewandte Linguistik: Ist das eine lange Zeit? Lohnt es sich, so einen Geburtstag hervorzuheben? Ist es sinnvoll, dieses Jubiläum zu feiern? Wenn man versucht, solche Fragen zu beantworten, wird klar, dass man einen angemessenen Vergleichsmaßstab braucht, um eine Zeitspanne wie diese zu vermessen und ihre Aussagekraft bewerten zu können. Fünfzig Jahre einer Ehe eignen sich wohl kaum als Vergleichsmaßstab. Wie sieht es aber mit wissenschaftlichen Gesellschaften aus, die mit der GAL vergleichbar sind? Wenn man die älteste Sprachgesellschaft der Welt, die Accademia della Crusca in Florenz, heranzieht, die 1583 gegründet wurde, dann sind es die fünfzig Jahre, die die GAL jetzt besteht, fast nicht wert, überhaupt erwähnt zu werden. Wirft man jedoch einen Blick auf einige bekannte deutsche wissenschaftliche Gesellschaften, dann findet man erstaunlicherweise heraus, dass z.B. die Max-Planck-Gesellschaft erst 2013 ihr fünfzigjähriges Bestehen gefeiert hat ebenso wie die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Und die Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft wurde 10 Jahre nach der GAL gegründet und kann erst 2028 ihr fünfzigjähriges Bestehen feiern. Wenn man das Alter der GAL aus dieser Perspektive betrachtet – und Zeit ist bekanntlich eine relative Größe – dann kann man schon von einer langen Zeit sprechen.

Gegründet wurde die Gesellschaft für Angewandte Linguistik (GAL) im November 1968 auf einer Internationalen Sonnenberg Konferenz, an der der Beirat der bereits gegründeten AILA, des Weltverbandes der Angewandten Linguisten, und eine Reihe bekannter Angewandter Linguisten, z.B. aus Großbritannien (S. Pit Corder) und Frankreich (Bernard Pottier) teilnahmen. Zum ersten Präsidenten wurde Gerhard Nickel (Universität Stuttgart) und zum Vize-Präsidenten Albert Raasch (Universität des Saarlandes) gewählt. Bis heute standen der GAL neun Präsidenten und zwölf Vizepräsidenten vor.

Nicht nur die Anfänge der GAL waren bestimmt von der zunächst kontrovers geführten Diskussion darüber, was Angewandte Linguistik eigentlich sei. Bei der Gründung der Gesellschaft war allen Beteiligten klar, dass Angewandte Linguistik sich abheben sollte von der theoretischen Herangehensweise der strukturalistischen und generativen Linguistik. Gleichzeitig wollte die deutsche Angewandte Linguistik sich auch nicht allein in den Bereichen des Sprachen- und Fremdsprachenlernens verorten. Deshalb gehört die Fremdsprachendidaktik auch heute in der GAL zwar zu den Teildisziplinen der Angewandten Linguistik, wurde aber nie mit der Disziplin als solcher gleichgesetzt, wie das in vielen anderen Gesellschaften der Fall war.

Obwohl innerhalb der GAL von Anfang an Einigkeit darüber bestand, dass Angewandte Linguistik mehr ist als die Beschäftigung mit der schulischen Sprachvermittlung, war es doch ein langer Weg, bis die Gesellschaft und ihre Mitglieder die Vielzahl von Fragestellungen ausgelotet hatten, die heute ihre Forschungsbereiche charakterisieren. Das spiegelt sich unter anderem in den Beiträgen einer Reihe ihrer Präsidenten wider, den Horizont der GAL zu fassen und zu definieren. Die umfassendste dieser Definitionen von Angewandter Linguistik stammt von Karlfried Knapp und wird bis heute in der Gesellschaft akzeptiert: „Angewandte Linguistik ist ein disziplinübergreifendes Gebiet von Forschung und Praxis, welches sich mit praktischen Problemen von Sprache und Kommunikation beschäftigt, die entweder mit verfügbaren Theorien, Methoden und Ergebnissen der Linguistik und benachbarter Disziplinen oder durch die Entwicklung neuer, von den jeweiligen praktischen Problemen angestoßener Theorien und Methoden identifiziert, analysiert und gelöst werden können“ (Knapp, Karlfried. Online: URL: http://www.uni-erfurt.de/angewandte-linguistik/ (Stand 21.07.2017).

Im Verlauf ihrer fünfzigjährigen Geschichte hat die GAL die Entwicklung von einem eher bescheidenen, nur wenig einflussreichen Zusammenschluss von Wissenschaftlern und wenigen Wissenschaftlerinnen hin zu einer hoch professionell arbeitenden und in die Öffentlichkeit hineinwirkenden Gesellschaft vollzogen. Aus ihrer an Höhepunkten reichen Geschichte sei hier nur an einige bedeutungsvolle Entwicklungen und Geschehnisse erinnert. So hat die GAL z.B. für ihre Mitglieder im Verlauf der letzten fünfzig Jahre ein immer hochwertigeres und reichhaltigeres Angebot an Veröffentlichungen bereitgestellt. Die nur für kurze Zeit eingestellte und im vergangenen Jahr wieder aufgenommene F.A.L.-Reihe (Forum Angewandte Linguistik) hat von Anfang an die Jahrestagungen der Gesellschaft ausführlich dokumentiert und gleichzeitig auch Bände herausgegeben, die ein bestimmtes wichtiges Thema der Angewandten Linguistik beleuchteten. Die neue F.A.L.-Reihe, von der die ersten Bände bereits erschienen oder weitere im Erscheinen begriffen sind, widmet sich in stärkerem Maße globalen Themen der Angewandten Linguistik. Im Verlauf ihrer Geschichte ist auch das ursprünglich sehr bescheidene GAL-Bulletin, zunächst ein nur für Mitglieder gedachtes Mitteilungsblatt, in eine einflussreiche wissenschaftliche Zeitschrift umgewandelt worden, die Zeitschrift für Angewandte Linguistik (ZfAL).

In den letzten fünfzig Jahren war die GAL mehr und mehr auch auf Außenwirkung bedacht. So gelang es ihr um die Jahrtausendwende, die Mitgliedschaft im sprachwissenschaftlichen Fachkollegium der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu erlangen, in welchem über die Verteilung der Forschungsmittel der DFG für diesen Forschungsbereich entschieden wird. Die GAL entsendet Vertreter in dieses Gremium, die von den Mitgliedern der Gesellschaft gewählt werden. Die Zusammenarbeit mit der AILA, die nach gutem Beginn ein wenig einzuschlafen drohte, wurde Ende des letzten Jahrhunderts wiederaufgefrischt.

Dies hat dazu geführt, dass die GAL im AILA-Vorstand seit geraumer Zeit nicht mehr nur mit einem Vizepräsidentenposten vertreten ist, sondern über Jahre hinweg auch den Generalsekretär und mit Bernd Rüschoff sogar den Präsidenten der AILA stellte. Die AILA-Konferenz 2008 fand in Essen statt und war eine der erfolgreichsten der letzten Jahre. Die von Karlfried Knapp initiierte Europäische Gesellschaft für Angewandte Gesellschaft entwickelt sich indes gut weiter. Sie erweitert das Geflecht von bilateralen Beziehungen zu den benachbarten Gesellschaften in der Schweiz, in Österreich und in den Niederlanden.

So lässt sich resümieren, dass es sich durchaus lohnt, auf den fünfzigsten Geburtstag der GAL hinzuweisen und ihn mit einem Jubiläumskongress im Jahre 2018 gebührend zu feiern. Die GAL ist eine lebendige Gesellschaft, eine Gesellschaft, die in jährlichen Abständen Tagungen und Symposien durchführt, welche die ganze Breite der angewandt-linguistischen Forschung abdecken und von vielen Interessierten, auch Nicht-Angewandten Linguisten besucht werden. Es ist eine gesunde Gesellschaft, sie zählt derzeit mehr als 800 Mitglieder. Und es ist eine wissenschaftliche Gesellschaft, die aufgrund ihres hohen Anwendungsbezugs deutlich macht, dass nicht nur die Natur- und Ingenieurwissenschaften einen gesellschaftlichen Mehrwert hervorbringen, sondern dass auch die Geisteswissenschaften, wenn sie denn von ihrem Elfenbeinturm herabsteigen, konkrete und sofort verwendbare gesellschaftlich relevante Erkenntnisse liefern können.