Historisierende sprachliche Landschaften: Visuelle Archaismen auf dem Mittelaltermarkt

Cornelia F. Bock/Florian Busch
12.09.2018, 12.05 Uhr-12.20 Uhr, S06 XX, Symposium II

Mittelaltermärkte haben sich in den letzten 30 Jahren zu kommerziell erfolgreichen Freizeitangeboten mit einer großen sozialen Reichweite entwickelt (vgl. Samida 2014). Den BesucherInnen wird ein historisierendes Setting geboten, das von mittelalterlich anmutend gekleideten DarstellerInnen über folkloristische Musikdarbietungen bis hin zu detailliert hergerichteten Zeltlagern reicht. Die Inszenierung von Historizität wird also mittels verschiedener semiotischer Ressourcen vollzogen. Als besonders relevant zeigt sich dabei visualisierte Sprache: Funktional differenziert tritt diese sowohl in Werbetafeln der HändlerInnen und DarstellerInnen als auch in Verbots- und Hinweisschildern der VeranstalterInnen auf. Mittelaltermärkte stellen damit temporär hervorgebrachte, halb-öffentliche Linguistic Landscapes dar, in denen sich u.a. strategische Verwendungen von Mehrsprachigkeit (unter Einbezug verschiedener Sprachstufen) sowie graphisch-skripturale Variationen beobachten lassen. Diese stilistische Ausdifferenzierung des Geschriebenen verweist dabei häufig auf die historische Dimension von Sprache im Sinne einer „sprachliche[n] Patinierung“ (Cherubim 2012), also der bewussten Archaisierung zum Zweck der diskursiven Konstruktion eines geteilten Erlebnisraums ‚Mittelaltermarkt‘.

Der Vortrag stellt die Ergebnisse einer explorativen Studie dar, die die visuelle Sprachpraxis des norddeutschen ‚Mittelalterlich Phantasie Spectaculum‘ in Hohenwestedt als „stilistische[s] Kaleidoskop der Event-Kommunikation“ (Androutsopoulos/Habscheid 2007: 293) mit Methoden der LL-Forschung, ergänzt durch AkteurInnen-Interviews, untersucht (vgl. Blommaert 2013; Redder et al. 2013). Neben den etablierten LL-Gegenständen Mehrsprachigkeit (etwa Deutsch, Englisch oder auch Latein) sowie Typen und Anordnungen komplexer Zeichen (etwa Standnamensschilder versus Wegweiser) bezieht die Studie darüber hinaus verschiedene weitere Analysedimensionen ein: Darunter fallen insbesondere Ausprägungen von Typographie (etwa der Gebrauch von Fraktur oder Handschrift), Graphemvariationen (etwa die <Braterey> oder das <Wanderfolk>) sowie Verwendungen von Paläologismen (etwa <Ziselierer> oder <Gewand Manufaktur>). Mit Bezug auf die erhobenen Interviews wird zu zeigen sein, wie diese stilistischen Mittel sprachideologisch als Indices auf imaginierte historische Epochen, regional-kulturelle Identitäten bzw. soziale Gruppierungen intendiert und gelesen werden können.

Die Ergebnisse der Studie sollen schließlich auch vor dem Hintergrund einer potentiellen didaktischen Nutzbarmachung von LL-Forschung im Sprachunterricht diskutiert werden. Während für den Geschichtsunterricht bereits Ansätze vorliegen, populäre Mittelalterbilder kritisch zu thematisieren (vgl. Buck/Brauch 2011), steht Vergleichbares für die Sprachdidaktik noch aus. Dabei lässt sich die Auseinandersetzung mit der historisierenden Sprachpraxis auf Mittelaltermärkten didaktisch nutzen, um SchülerInnen an einen reflexiven Umgang mit der historischen Tiefe, Wandelbarkeit, aber auch sozialen Indexikalität von Sprache im Deutschunterricht heranzuführen (vgl. Lotze/Sprengel/Zimmer 2015).

 

Literatur
Androutsopoulos, Jannis; Habscheid, Stephan (2007): Von der Szene – für die Szene? Stil und Stilisierung in der Vermarktung des HipHop-Festivals splash! In: Bock, Karin; Meier, Stefan; Süß, Gunter (Hgg.). HipHop meets Academia: Globale Spuren eines lokalen Kulturphänomens. Bielefeld: transcript. 289-311.

Blommaert, Jan (2013): Ethnography, Superdiversity and Linguistic Landscapes: Chronicles of Complexity. (Critical Language and Literacy Studies, 18). Bristol: Multilingual Matters.

Buck, Thomas M.; Brauch, Nicola (Hgg.) (2011): Das Mittelalter zwischen Vorstellung und Wirklichkeit – Probleme, Perspektiven und Anstöße für die Unterrichtspraxis. Münster: Waxmann.

Cherubim, Dieter (2012): Sprachliche Patinierung. Was lässt einen Text ‚alt‘ aussehen? In: Leupold, Gabriele; Passet, Eveline (Hgg.). Im Bergwerk der Sprache. Göttingen: Wallstein. 324-344.

Hiller, Gisbert (o. D.): Über uns: Veranstaltungsname. https://www.spectaculum.de/ueber/vaname/ [09.03.2018].

Lotze, Netaya; Sprengel, Sebastian; Zimmer, Anne (2015): Rückgriffe auf “dunkle” Zeiten? Zur Verwendung historischer Ausdrücke in jugendsprachlichen Subkulturen. In: Der Deutschunterricht 2015/04. 38-47.

Redder, Angelika; Pauli, Julia; Kießling, Roland; Bührig, Kristin; Brehmer, Bernhard; Breckner, Ingrid; Androutsopoulos, Jannis (Hgg.) (2013): Mehrsprachige Kommunikation in der Stadt – Das Beispiel Hamburg (Mehrsprachigkeit, 37). Münster: Waxmann.

Samida, Stefanie (2014): Inszenierte Authentizität. Zum Umgang mit Vergangenheit im Kontext der Living History. In: Fitzenreiter, Martin (Hg.). Authentizität – Artefakt und Versprechen in der Archäologie, Workshop vom 10. bis 12. Mai 2013, Ägyptisches Museum der Universität Bonn. (Internet-Beiträge zur Ägyptologie und Sudanarchäologie, 15). London: Golden House Publications. 139-150. Online abrufbar: http://www2.rz.hu-berlin.de/nilus/net-publications/ibaes15/publikation/ibaes15_authentizitaet.pdf