"Hauptsache all die unwillkommenen Kriminellen leben im Luxus": Politisch motivierte Protestkommunikation auf Twitter

Sylvia Jaki
14.09.2018, 11.15 Uhr-12.00 Uhr, S06 XX, Symposium VII

Soziale Medien wie der Microblog Twitter spielen in der heutigen politischen Kommunikation eine wichtige Rolle (Diekmannshenke 2016), so auch in der Bundestagswahl 2017 (Howard et al. 2017). Twitter bricht die Unidirektionalität politischer Kommunikation auf und bietet den BürgerInnen verstärkt Möglichkeiten zur politischen Partizipation (Emmer 2017). Diese Partizipation befördert die rasche Verbreitung von Nachrichten, geht aber naturgemäß mit der geframeten Interpretation von Nachrichten einher, da die User sie zu ihren eigenen Erfahrungen und Weltanschauungen in Verbindung setzen (Maireder & Ausserhofer 2014). Genau an dieser Stelle überschreitet Protestkommunikation auf Twitter häufig die Grenze zu sog. Hassrede oder Hate Speech (Meibauer 2013), die nach dem neuen NetzDG eigentlich binnen 24 Stunden entfernt werden müsste. Dieser Beitrag, der Teil eines Projektes zur automatisierten Erkennung von Hate Speech auf Twitter ist, setzt es sich zum Ziel, rechtsextreme Hassbotschaften aus sprachwissenschaftlicher Sicht zu beschreiben.

Die Untersuchung fokussiert insbesondere folgende Fragen: Wer wird primär zur Zielscheibe des rechtsradikalen Protestes auf Twitter? Mit welchen Mitteln wird hier politisch motivierter Protest ausgedrückt? Dabei wird auch berücksichtigt, dass Soziale Medien zunehmend multimodal sind (Marx 2017: 14ff) – so enthält Hate Speech auf Twitter nicht ausschließlich verbale Informationen, sondern auch Bildelemente, bspw. Emoticons. Von Interesse sind hier insbesondere die Text-Bild-Beziehungen zwischen verbaler Information und Memes oder Fotos, unter anderem da manche Tweets erst durch das disambiguierend wirkende Bild zur Hassbotschaften werden.

Die analysierten Daten stammen aus dem multimodalen Twitter-Korpus Polly (De Smedt & Jaki: i. Vorb.) mit politisch motivierten deutschsprachigen Tweets – von und über PolitikerInnen, von deren UnterstützerInnen und von rechtsextremen Personen. Das Korpus ist frei zugänglich und besteht aus 125 000 deutschen Tweets mit 4000 dazugehörigen Bildern, die zwischen August und Dezember 2017 veröffentlicht wurden. Die zwei Sektionen der Datensammlung, die für die Analyse verwendet werden, sind Tweets rechtsradikaler User sowie eine Sammlung von Bezeichnungen für PolitikerInnen, die im Stil von X ist ein(e) Y Aufschlüsse über Beleidigungen im digitalen Kontext (vgl. auch Meier i. Dr.) geben.

 

Literatur
De Smedt, Tom/ Jaki, Sylvia (i. Vorb.): The Polly Corpus: online political debate in Germany (Kurzpaper für die Tagung CMC-corpora2018).

Diekmannshenke, Hajo (2016): Massenmedien als Handlungsfeld III: digitale Medien. In: Martin Wengeler/ Alexander Ziem/ Kersten S. Roth (Hg.), Handbuch Sprache in Politik und Gesellschaft. Berlin/New York: de Gruyter, 354-370.

Emmer, Martin (2017): Soziale Medien in der politischen Kommunikation. In: Jan-Hinrik Schmidt/ Monika Taddicken (Hg.), Handbuch Soziale Medien. Wiesbaden: Springer, 81-99.

Howard, Philip N./ Neudert, Lisa-Maria/ Kollanyi, Bence (2017): Junk News and Bots during the German Federal Presidency Election: What Were German Voters Sharing Over Twitter? COMPROP Data Memo 2017.2.

Maireder, Axel/ Ausserhofer, Julian (2014): Political Discourses on Twitter. In Katrin Weller et al. (Hg.), Twitter and Society. New York: Peter Lang, 305-318.

Marx, Konstanze (2017): Diskursphänomen Cybermobbing. Ein internetlinguistischer Zugang zu [digitaler] Gewalt. Berlin/New York: de Gruyter.

Meibauer, Jörg (2013): Hassrede – von der Sprache zur Politik. In: Jörg Meibauer (Hg.), Hassrede/ Hate Speech. Interdisziplinäre Beiträge zu einer aktuellen Diskussion. Gießen: Gießener Elektronische Bibliothek, 1-16, http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2013/9251/pdf/HassredeMeibauer_2013.pdf.

Meier, Simon (i. Dr.): Beleidigungen als Gegenstand der Gesprächsrhetorik. In: Ernest W.B. Hess-Lüttich (Hg.), Handbuch Gesprächsrhetorik. Berlin/Boston: de Gruyter.