Figurative Verben in (ingenieur-)wissenschaftlichen Texten – eine korpusbasierte Studie aus dem Kontext des Deutschen als Fremdsprache

Antje Heine
14.09.2018, 11.15 Uhr-12.00 Uhr, S06 XX, Symposium IX

Lange Zeit wurde für wissenschaftliche Texte ein so genanntes "Metapherntabu" angenommen. Dass dieses so nicht aufrechterhalten werden kann, ist inzwischen belegt worden, nicht zuletzt im Hinblick auf zahlreiche Verben, die ein wichtiger Bestandteil der Alltäglichen Wissenschaftssprache sind (vgl. v.a. Meißner 2014). Verben wie "etwas ableiten aus", "etwas aufnehmen", "eingehen auf" oder "etwas zurückführen auf" gehören unbestritten zum Inventar der deutschen (Alltäglichen) Wissenschaftssprache. Ihnen gemeinsam ist, dass die ihnen zugrundeliegenden Basisverben aus dem Bereich der Fortbewegung oder des Transportierens stammen und häufig mit Verbpartikeln kombiniert werden, so dass Rezipienten vor mindestens zweierlei Problemen stehen können: Erstens müssen sie in Sätzen, in denen die Verbpartikel und das Basisverb eine Satzklammer bilden, überhaupt erst deren Zusammengehörigkeit erkennen; zweitens müssen sie die spezielle – übertragene – Bedeutung im Kontext der Wissenschaftssprache kennen und dürfen eben nicht von der literalen Bedeutung aus dem eigentlichen Bildspenderbereich ausgehen. Hinzu kommt die scheinbare Einfachheit der Basisverben, die nicht nur sehr früh gelernt werden, sondern auch hoch frequent sind. Dass Lernende mit solchen Verben Schwierigkeiten haben, hat bereits Ehlich (1995) gezeigt. Was bislang fehlt, sind systematische, auch quantitativ angelegte Studien, für die größere Korpora ausgewertet wurden. Wegweisend ist hier einzig die Arbeit von Meißner (2014), deren Korpus aus zwei Teilkorpora von je einer Million Token besteht.

Im Vortrag sollen zunächst ausgewählte quantitative und qualitative Untersuchungsergebnisse vorgestellt werden, die auf Basis des Korpus Gingko („Geschriebenes ingenieurwissenschaftliches Korpus“, bestehend aus wissenschaftlichen Aufsätzen aus der Automobiltechnik mit derzeit knapp 3 Millionen Token), gewonnen wurden. Die Daten werden v.a. mit Blick auf internationale Studierende, die derartige Texte verstehen (und später auch verfassen) müssen, ausgewertet. Durch verschiedene statistische Verfahren sollen u.a. Zusammenhänge zwischen einzelnen Verben und den Satzstrukturen, in denen sie verwendet werden, sowie Verb-Substantiv-Kollokationen ermittelt und vorgestellt werden. Ferner sollen Verben herausgefiltert werden, die im Korpus sowohl in einer figurativen als auch ihrer „ursprünglichen“ Bedeutung frequent sind (wie z.B. "etwas herstellen" oder "etwas irgendwo verankern"). Im zweiten Teil sollen grundlegende Fragen aufgeworfen und diskutiert werden, wie etwa die des empirischen Zugangs – sowohl mit Blick auf Korpora (z.B. Fragen semantischer Annotationen) als auch hinsichtlich möglicher Spracherwerbsstudien. Zudem soll ein Ausblick auf mögliche Konsequenzen, beispielsweise für den Aufbau von Wörterbüchern/Datenbanken oder eine zielführende Didaktisierung, gegeben werden.

Literatur
Ehlich, Konrad (1995): Die Lehre der deutschen Wissenschaftssprache: sprachliche Strukturen, didaktische Desiderate. In: Kretzenbacher, Heinz / Weinrich, Harald (Hg.): Linguistik der Wissenschaftssprache. Berlin / New York, 325-351.

Meißner, Cordula (2014): Figurative Verben in der allgemeinen Wissenschaftssprache des Deutschen. Eine Korpusstudie. Tübingen.