Fehlende Teilnehmendeninterpretationen? Methodologische Herausforderungen bei der Analyse multimodaler Aktivitäten in Theaterproben

Maximilian Krug
12.09.2018, 14.20 Uhr-14.40 Uhr, S06 XX, Symposium III

Die von Schmitt (2005: 23) beschriebene „visuelle Revolution“ in der Interaktionsforschung ist seit über zehn Jahren in vollem Gange. Die neue multimodale Perspektive ermöglicht den Blick auf bis dato nicht oder nur unzureichend beschriebene Interaktionsressourcen und erweitert Interaktionsanalysen um Aspekte der Mobilität (Haddington et al. 2013), Objektmanipulationen (Nevile et al. 2014) oder Berührungen (Cekaite 2015). Dessen ungeachtet bleibt die große Frage unbeantwortet: Sind die anhand von sprachlichem Material entwickelten Praktiken und Konzepte der Konversationsanalyse auch im methodologischen Rahmen einer multimodalen Interaktionsanalyse anwendbar?

Eines dieser sprachlich gefassten zentralen Konzepte der Konversationsanalyse sind die Aktivitäten. Konversationsanalytische Studien untersuchen, wie Aktivitäten des Erzählens (Goodwin 1984), Diskutierens (Sacks 1992) oder Gratulierens (Schegloff 2000) interaktiv hergestellt werden. Dabei ist das Vorhandensein von Sprache für die Analysen von immenser Wichtigkeit, da die Teilnehmenden mit ihren verbalen Beiträgen die Interpretation der laufenden Interaktion anzeigen. Diese Teilnehmendeninterpretationen stellen den primären Analysezugang für konversationsanalytisch orientierte Interaktionsforschende dar. Fehlt die Sprache, fehlt auch der Analysezugang. Dies ist unproblematisch, wenn Aktivitäten verbale Elemente beinhalten, z.B. bei der Aktivität des Erzählens. Ausgangspunkt sind dann die Praktiken der verbalen Modalität, die um visuell-proxemische Elemente ergänzt werden. Bei diesem Zugriff auf die Aktivität steht stets die Sprache im Zentrum der Analyse. Methodologisch herausfordernd wird es hingegen, wenn das Konzept Aktivität konsequent multimodal behandelt werden, also auch ohne sprachliche Beteiligung analysiert werden soll. Da Aktivitäten ohne Sprache selbstverständlicher Teil des Alltags sind, ist dies kein ethnomethodologisches, sondern vor allem ein methodologisches Problem: Wie können Forschende die Teilnehmendeninterpratationen von multimodalen Aktivitäten ohne Sprache erhalten?  

Ziel des Beitrags ist es, einen Vorschlag zu formulieren, wie die konversationsanalytische Methodologie erweitert werden kann, sodass Analysen multimodaler Aktivitäten ohne sprachliche Beteiligung möglich werden. Dazu wird anhand von audiovisuellen Daten einer Theaterprobe rekonstruiert, wie Teilnehmende einer sozialen Situation Aktivitäten mit „verbaler Abstinenz“ (Heidtmann/Föh 2007: 263) einen Sinn zuschreiben, auf den bezogen sie agieren können. Unter Einbezug einer emischen Perspektive können Forschende sich dieses ethnomethodologische Problem der Teilnehmenden zu Nutze machen und mithilfe der Praktiken des Monitorings und des Displayings eine Teilnehmendeninterpratation ableiten. Wie dies konkret in der Forschungspraxis angewendet werden kann, soll anhand der multimodalen Aktivität Arbeitsanweisung während einer Theaterprobe gezeigt werden, bei der die Beteiligten entweder auf nur wenig oder gar kein sprachliches Material zurückgreifen.

 

Literatur
Cekaite, Asta (2015):  The Coordination of Talk and Touch in Adults’ Directives to Children: Touch and Social Control. In: Research on Language and Social Interaction, 48 (2), 152–175.

Goodwin, Charles (1984): Notes on story structure and the organization of participation. In: Atkinson, John M./Heritage, John (Hg.): Structures of Social Action. Studies in Conversation Analysis. Cambridge: Cambridge University Press, 225–246.

Haddington, Pentti/Mondada, Lorenza/Nevile, Maurice (2013): Being mobile: Interaction on the move. In: Haddington, Pentti/Mondada, Lorenza/Nevile, Maurice (Hg.): Interaction and mobility. Language and the body in motion. Berlin/Bosten: De Gruyter, 3–61

Heidtmann, Daniela/Föh, Marie-Joan (2007): Verbale Abstinenz als Form interaktiver Beteiligung. In: Schmitt, Reinhold (Hg.): Koordination. Analysen zur multimodalen Interaktion. Tübingen: Narr, 263–292.

Nevile, Maurice/Haddington, Pentti/Heinemann, Trine/Rauniomaa, Mirka (2014): On the interactional ecology of objects. In: Nevile, Maurice/Haddington, Pentti/Heinemann, Trine/Rauniomaa, Mirka (Hg.): Interacting with Objects. Language, materiality, and social activity. Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins, 3–26

Sacks, Harvey (1992): Lectures on conversation. Volumes I & II. 1. publ. in one paperback volume 1995, [Nachdr.]. Oxford: Blackwell.

Schegloff, Emanuel A. (2000): Overlapping talk and the organization of turn-taking for conversation. In: Lang. Soc. 29 (01), 1–63.

Schmitt, Reinhold (2005): Zur multimodalen Struktur von turn-taking. In: Gesprächsforschung - Online-Zeitschrift zur verbalen Interaktion (6), 17–61.