Face-to-Interface: Sozio-interaktive Potentiale der Videotelefonie im Kontext von Nähe, Intimität und Emotion

Tobias Held
12.09.2018, 16.00 Uhr-16.20 Uhr, S06 XX, Symposium I

Knapp zwölf Prozent der deutschen Paare lieben auf Distanz (vgl. Kirchner 2014: 157). Das heißt, sie leben in einer Partnerschaft, deren räumliche Lebensmittelpunkte nicht gleich, beziehungsweise in unmittelbarer Nähe zueinander sind. Noch vor zwanzig Jahren waren es nur halb so viele – und nach Expertenansicht wird sich die Zahl weiter erhöhen. Denn niemand ist sicher vor einem Ereignis, das plötzlich Distanz schafft und das Liebesleben durcheinanderwirbelt: verlockende Jobangebote, Auslandsaufenthalte, unvermeidliche Umzüge. Fernliebende sind meist jung und gut ausgebildet; fast 70 Prozent haben einen Hochschulabschluss, fast 90 Prozent Abitur (vgl. Schneider et al. 2002). Viele stehen am Anfang ihrer Berufslaufbahn – und das in einer Zeit, in der Arbeitsgeber zunehmend Mobilität fordern.

Problem
Mit dem Führen einer Fernbeziehung ergibt sich für die meisten Menschen folgende Problematik: der gegenseitige Austausch von Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen ist während der Trennungsphasen erschwert (vgl. Turkle 2011: 3). Dieser Transfer erfolgt gegenwärtig primär technisch vermittelt: Chatten, Telefonieren oder Skypen werden zur Kommunikation und somit zur Überbrückung der Trennungszeit genutzt. Insbesondere die Videotelefonie erfreut sich dabei, durch steigende Usability und Verfügbarkeit begünstigt, zunehmender Beliebtheit. Jedoch wird diese als unzureichend hinsichtlich der Übermittlung von Emotionen empfunden (vgl. Held 2017, Pahre 2006). Die fehlende oder erschwerte Übertragung nonverbaler Informationen – und somit auch der Emotionen, – führt indessen oft zu Frustrationen oder Missverständnissen (vgl. ebd.).

Immer wieder war die Bildtelefonie Bestandteil wissenschaftlicher Untersuchungen1. Bedauerlicherweise fokussierten sich diese jedoch vorwiegend auf technische Aspekte wie Datenübertragung, Bildwiederholungsraten und Bandbreiten. Die Resultate zu betrachten, die diese Art der Kommunikation mit sich bringt, blieb vorwiegend unbeachtet. Insbesondere hinsichtlich zwischenmenschlicher Nähe, Intimität und dem Transfer von Emotionen wurde es versäumt zu forschen2. Es bleibt die Frage bestehen, was geschieht, wenn das durch die Technik offerierte Angebot nicht genügt. Was ist, wenn die Sehnsucht nach Nähe und Intimität, die durch das nahezu perfekte, visuelle Versprechen ausgelöst, nicht mehr gestillt werden kann.

Vorgehen
Zentral steht die Frage, welche sozio-interaktiven Potentiale der Videotelefone zugeschrieben werden können. Das heißt, was können diese kommunikativ leisten, welchen spezifischen Einfluss üben sie auf das Empfinden von Intimität aus? Dem übergeordnet: Wie lassen sich Nähe, Intimität und Emotionen visuell oder körperlich darstellen und welche Potentiale lassen sich daraus für die Gestaltung insgesamt ableiten? Und weiterhin: Wie lassen sich supplementäre Hilfsmittel zum Transfer von Informationen und/oder Emotionen in die bildbasierte Kommunikation integrieren? Zentrale (theoretische) Begrifflichkeiten in diesem Kontext sind Embodiment, (Social) Presence sowie Shared Reality.  

Ziel des Vortrags ist die Erfassung wahrnehmungstheoretischer, sensorischer, perzeptueller und technologischer Fragestellungen im Kontext von Gestaltung, Medienmaterialität und Interface der Videotelefonie am Beispiel von Skype. Diese sollen erfasst, erörtert und diskutiert sowie mit Fragen der Rezeption verknüpft werden. Um dies zu veranschaulichen sollen der Versuchsaufbau, die Durchführung sowie die gesammelten Ergebnisse eines im Rahmen meiner Dissertation durchgeführten Experimentes vorgestellt werden. Im Zentrum dessen steht die Frage danach, inwieweit nonverbale Kommunikationskanäle wie Körperhaltung, Sitzposition, Distanz, Perspektive sowie der Bildausschnitt das menschliche Empfinden von Intimität und Nähe beeinflussen. Im Sinne eines User-Centered-Design-Ansatzes hatte die dabei verfolgte Vorgehensweise das Ziel, Theorien der Wahrnehmung und der Kommunikation in Beziehung zum konkreten Umgang der Nutzer mit modernen Medientechnologien zu setzen. Auf Basis der aus dieser Synthese entstehenden Erkenntnissen erfolgt weiterhin die Ableitung erster Hypothesen für die Gestaltung sowie die Entwicklung von Methoden und Konzepten für das Verstehen von analogen und digitalen Medien.

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1Die Entwicklung und Forschung zur Bildtelefonie reicht bis in das Jahr 1927 zurück (vgl. Noll 1992)

2Untersuchungen hierzu wie bei Fischer (1987) oder Flohrer (1990) bedienen sich lediglich theoretischer Überlegungen zur digital vermittelten Mensch-zu-Mensch-Kommunikation, fokussieren sich letztlich aber auf technische Aspekte.

 

Literatur
Fischer, Kurt. 1987. Bildkommunikation: Bedeutung, Technik und Nutzung eines neuen Informationsmediums: Springer-Verlag.

Flohrer, W. 1990. "Methodisches Gestalten am Beispiel des Bildtelefons." Berlin, Heidelberg.

Held, Tobias. 2017. "Bildverstehen: Spielarten und Ausprägungen der Verarbeitung multimodaler Bildmedien." Bewegtbilder, Kiel.

Kirchner, Juliane. 2014. "Schatz, ich hab dich gegruschelt! Nutzung von Social Network Sites in Fernbeziehungen." In Medienkommunikation in Bewegung, 155-169. : Springer.

Noll, A. Michael. 1992. "Anatomy of a failure: picturephone revisited."  Telecommunications Policy 16 (4):307-316.

Pahre, Christoph. 2006. "Mobile Multimedia Messaging."

Schneider, Norbert F, Limmer, Ruth & Ruckdeschel, Kerstin. 2002. "Berufsmobilität und Lebensform."  Sind berufliche Mobilitätserfordernisse in Zeiten der Globalisierung noch mit Familie vereinbar 208.

Turkle, Sherry. 2011. "Alone together: Why we expect more from technology and less from each other."