Die Columbus-Willkommensschule in der Erstaufnahmeeinrichtung Benjamin-Franklin. Eine Übersicht zu Spezifika und Heterogenität der SchülerInnen und daraus resultierenden Konsequenzen

Friederike Barié-Wimmer/Claudia Möller
13.09.2018, 9.00 Uhr-9.20 Uhr, S06 XX, Symposium X

In Baden-Württemberg beginnt die Schulpflicht für Kinder im Asylverfahren erst sechs Monate nach der Einreise nach Deutschland. Aus diesem Grund bietet die Stadt Mannheim mit der Columbus-Willkommensschule diesen nichtschulpflichtigen Kindern in der Erstaufnahmeeinrichtung (EA) ein freiwilliges außerschulisches, tagesstrukturierendes Lernangebot, in dessen Mittelpunkt der Spracherwerb steht. Unterrichtet werden die Kinder von Ehrenamtlichen, die nicht unbedingt eine pädagogische Ausbildung besitzen. Neben den Ehrenamtlichen ist außerdem ein Team aus städtischen MitarbeiterInnen, PraktikantInnen und FSJlerInnen für die Kinder und die Organisation und Konzeptentwicklung der Willkommensschule verantwortlich. Durch das Angebot der Willkommensschule soll den Kindern mit Beginn der Schulpflicht der Übergang in das Regelschulsystem erleichtert werden.

Familien mit Kindern werden nach der Ankunft in der EA auf verschiedene Weise auf die Willkommensschule aufmerksam gemacht (v. a. mehrsprachige Elternbriefe, Handreichung und persönliche Ansprache). Das freiwillige Angebot erreicht ca. 60 % der Kinder und Jugendlichen auf dem Gelände, von denen zwischen 30 – 40% regelmäßig die Schule besuchen.

Zwischen den Kindern lassen sich in Bezug auf deren Alphabetisierungsstand und Schulerfahrungen erhebliche Differenzen feststellen. Beispielsweise hat ein geringer Anteil der Kinder bereits Schulerfahrung im deutschen Regelschulsystem gesammelt. Es gibt Kinder die schon Schulerfahrungen in anderen EU-Mitgliedsstaaten gemacht haben. Nicht-alphabetisierte Kinder stammen aus den Balkanstaaten, Syrien, afrikanischen Staaten, Staaten der ehemaligen UDSSR und Afghanistan, die Gründe hierfür sind sicher unterschiedlich. Insgesamt verfügen die meisten Kinder nicht über eine altersadäquate Schulausbildung, sondern weisen durch die Fluchterfahrungen Diskontinuitäten in ihren Bildungsbiographien auf (Schroeder/Seukwa 2018). Viele der Kinder sprechen mehr als eine L1-Sprache und je nach Fluchtgeschichte und Schulerfahrung auch eine oder mehrere L2-Sprachen. Die häufigsten L2-Sprachen der Kinder sind Englisch, Französisch, Türkisch und Deutsch.

Im Unterricht zeigt sich zudem, dass einige Kinder Konzentrationsschwierigkeiten haben, die möglicherweise auf traumatisierende Fluchterfahrungen, aber auch auf die unterbrochenen Beschulungen sowie die Wohnsituation in der EA zurückzuführen sind.

Die Willkommensschule begegnet den heterogenen Lernvoraussetzungen unter anderem durch eine altersunabhängige Einstufung der Kinder nach deren schulischem Kenntnisstand in drei Unterrichtsstufen (Vorschule, Anfänger, Fortgeschrittene). Die Einstufung erfolgt mittels Abfrage bei Anmeldung, bzw. bei Testverfahren im Bereich Mathematik, das sprachunabhängig durchgeführt werden kann. Da die Kinder im Regelfall keine schulische Ausstattung besitzen, werden bei der Anmeldung elementare Schulmaterialien wie Stifte, Block, Rucksack und Übungsbuch ausgegeben.

Der Unterricht ist gekennzeichnet durch eine intensive Arbeit anhand von Bildern und Symbolen. Die Ehrenamtlichen tauschen sich über Ihre Unterrichtsstunden auf einer digitalen Lernplattform (passwortgeschützter SharePoint) aus und dokumentieren ihre Unterrichtsinhalte, um Brüche bzw. Überschneidungen zu vermeiden.

Den Eltern, bzw. Erziehungsberechtigten werden nach dem Transfer mit Unterstützung des Regierungspräsidiums Karlsruhe ein Bildungspass und die gesammelten Übungsblätter und Arbeitsmaterialien zugeschickt. Der Bildungspass gibt Auskunft über die Regelmäßigkeit der Teilnahme am Unterricht, den Kenntnisstand bei Anmeldung und den erreichten Fortschritten während des Besuchs der Willkommensschule. Er soll den aufnehmenden Regelschulen als Anhaltspunkt zur Einstufung der Kinder dienen.

Literatur
Schroeder, Joachim; Seukwa, Louis Henri (2018): Bildungsbiografien: (Dis-)Kontinuitäten im Übergang. In: Dewitz, N. v.; Terhart, H.; Massumi, M.: Neuzuwanderung und Bildung. Eine interdisziplinäre Perspektive auf Übergänge im deutschen Bildungssystem. Weinheim: Beltz-Juventa, S. 141-157.