Der subversive Diskurs

Hajo Diemannshenke
14.09.2018, 13.15 Uhr-10.00 Uhr, S06 XX, Symposium VII

Protest sucht in aller Regel die Öffentlichkeit und mit ihr eine möglichst große Zahl an Personen. Protest setzt auf die Unterstützung einer (politischen) Aktion oder Einstellung als Folge des öffentlichen Handelns. Wesentliche Mittel sind dabei Plausibilität, Eingängigkeit und Emotionalität. Zudem gibt es meist einen konkreten Anlass für den jeweiligen Protest. Will der Protest öffentlich wirksam werden, so will dies die Konspiration auf gar keinen Fall. Ihre wesentlichen Mittel sind Geheimhaltung und Verschleierung, die vor allem dem Schutz zukünftiger Handlungen und der konspirierenden Personen dienen (Beispiele sind historische Geheimsprachen wie das Masematte oder das Info-System der RAF). Betrachtet man öffentlichen Protest und Konspiration als zwei entgegengesetzte Pole politischen Handelns, so steht die Subversion gleichsam zwischen ihnen und bedient sich gleichzeitig beider Mittel. Damit verbunden ist eine notwendige theoretische Aufarbeitung des Phänomens der Subversivität.

Subversivität als eine spezifische Form kommunikativen politischen Handelns ist in ihrer jeweiligen Ausprägung maßgeblich von dem politischen System geprägt, in dem sie realisiert wird. In autoritären Systemen stellt sie eine wichtige Form des Protestes in der Öffentlichkeit oder in einer Teilöffentlichkeit dar. Indem der subversive Diskurs Kommunikation gleichsam auf zwei Ebenen betreibt (im Sinne des Grice‘schen Implikaturverfahrens), kann er öffentlich wirken und zugleich die Kommunizierenden vor Sanktionen schützen. Stilistische Mittel sind dabei vor allem Anspielungen, Mehrdeutigkeiten usw., wie sie bezeichnenderweise auch bei der Kommunikation des Komischen zu finden sind. Geteiltes Wissen, das zugleich den politischen Gegner aus dieser Kommunikation ausschließt bzw. diese für ihn teilweise verschleiert, ist eine wesentliche Voraussetzung. In demokratischen Systemen kann der subversive Diskurs einerseits von den politischen Gegnern dieses Systems genutzt werden, um sich so dem stattlichen Zugriff und den rechtsstaatlichen Sanktionen zu entziehen (als Beispiel seien hier rechtsextreme Musikgruppen genannt), oder um innerhalb der Grenzen der Meinungsfreiheit oppositionelle Einstellungen in der Weise zu kommunizieren, dass sie eine „subkutane“ Wirkung entfalten können. Aus diesem Grund bedienen sich subversiv Handelnde in hohem Maße ästhetischer kommunikativer Formen (Literatur, Musik, bildende Kunst).

Ziel des Projekts ist es, anhand unterschiedlicher historischer Beispiele aus verschiedenen gesellschaftlichen Systemen herauszuarbeiten, welche stilistischen Mittel und Handlungsweisen sich in den jeweiligen subversiven Diskursen beobachten lassen. Dies soll anhand ausgewählter Beispiele (Flugblätter, Zeitschriften, Karikaturen, Witze, Kabarett u. ä.) im Workshop diskutiert werden.