Der Lehnstuhl im Feld – Blended Methods in der Internetlinguistik

Konstanze Marx
12.09.2018, 16.00 Uhr-16.20 Uhr, S06 XX, Symposium III

Die Internetlinguistik als eine Teildisziplin der Angewandten Linguistik hat die Sprachverwendung im World Wide Web zum Gegenstand. Es handelt sich hierbei um ein äußerst heterogenes Phänomen. Abhängig von den Charakteristika einzelner Darbietungsplattformen ergeben sich unterschiedliche Herausforderungen bei der Detektion der Daten. Auf diesem methodischen Teilaspekt soll der Fokus des Vortrags liegen.

Wir sehen uns Daten gegenüber, die multimodal (also nicht exklusiv sprachlich) sind, hochgradig dynamisch, kollaborativ erzeugt, selbst organisiert, unabgeschlossen (und in diesem Sinne auch provisorisch. Sie sind interaktiv, situationsgebunden und an mediale Komponenten gekoppelt. Es zeigt sich eine Verquickung mit anderen sozialen Medien und die Daten weisen Schnittstellen zu traditionellen Medien auf. Botschaften werden immer wieder angereichert, neu perspektiviert und elaboriert. Die Daten versinnbildlichen eine Hybridisierung (Hauser/Luginbühl 2015) auf der Ebene der Textmuster und eine Ausdifferenzierung einzelner Aspekte auf inhaltlicher Ebene, was aber wiederum zu neuen Mustern führt. Allein aufgrund der dezentralen Veröffentlichungspraxis ergeben sich große Schwierigkeiten bei der Ortung und Extraktion. Weitere Erhebungsprobleme ergeben sich aus der Konstitution des digitalen Kommunikationsraums und darin ablaufender kommunikativer und technischer Prozesse.

Die Forschungspraxis zeigt nun, dass Online-Beobachtung (vgl. Androutsopoulos 2013) einen ersten Zugang zu entsprechenden digitalen Daten bieten kann. Die teilnahmegestützte Erhebung muss dabei nicht notwendigerweise auf die Rolle des Lurkers beschränkt bleiben, wie Vannini (2008) es vorschlägt. Inwieweit sowohl Online-Engagement (Kirschner 2015) als auch traditionelle Feldarbeit hier eine wichtige Rolle spielen, soll am Beispiel von brisanten Daten expliziert werden.

Von brisanten Daten spreche ich, wenn diese forschungsethisch, inhaltlich und eben auch forschungspraktisch problematisch sind. Wenn sprachliche Handlungen etwa Straftaten sind, die durch eine Erhebung einem weiteren Kreis von Personen zugänglich gemacht werden könnten, ist das forschungsethisch relevant. Eine inhaltliche Brisanz bergen zum Beispiel höchstpersönliche Daten, aber auch Daten, die Dritte kompromittieren.

 

Literatur
Androutsopoulos, Jannis (2013): Online data collection. In: Mallinson, C./Childs, B./Herk, G. Van (Hg.): Data Collection in Sociolinguistics: Methods and Applications. London/New York, 236–250.

Hauser, S./Luginbühl, M. (2015): Hybridisierung und Ausdifferenzierung. Einführende begriffliche und theoretische Anmerkungen. In: Hauser, S./Luginbühl, M. (Hg.): Hybridisierung und Ausdifferenzierung. Kontrastive Perspektiven linguistischer Medienanalyse. Frankfurt/Main [u.a.]: Lang, 7–30.

Kirschner, H. (2015): Zurück in den Lehnstuhl. Lebensweltliche Ethnographie in interaktiven Medienumgebungen. In: Hitzler, R./Gothe, M. (Hg.). Ethnographische Erkundungen, Erlebniswelten. Wiesbaden, 211–230.

Vannini, P. (2008): Ethics and New Media. In: Given, L. (ed.): The SAGE encyclopedia of qualitative research methods. Los Angeles, 277–279. http://www.stiba-malang.com/uploadbank/pustaka/RM/QUALITATIVE%20METHOD%20SAGE%20ENCY.pdf