Das Potenzial des Text-Kontextes bei der Erschließung von Wortbedeutungen

Ulrike Haß
13.09.2018, 9.45 Uhr-10.30 Uhr, S06 XX, Symposium IX

Die Kenntnis von Wortbedeutungen ist ein wesentlicher Faktor des Textverstehens. Dabei wird gemäß einer weitverbreiteten Annahme davon ausgegangen, dass Leser_innen die Bedeutung eines unbekannten Worts mithilfe des (Text)-Kontextes erschließen können. Aus den Perspektiven der lexikalischen Semantik wie der Textlinguistik kann die Semantisierungsleistung eines Kontextes aber kaum generell und einheitlich gegeben sein. Offensichtlich gibt es eine Skala, die von maximal hilfreichen Kontexten über solche reicht, die eine Art fast mapping der Wortbedeutung zulassen, bis hin zu solchen Kontexten, die sich einem bestimmten Wort gegenüber als völlig ’stumm‘ erweisen. Warum ist dies so? Welche Faktoren bewirken die semantische Leistung eines Text-Kontextes in Bezug auf ein bestimmtes, schwer- oder unverständliches Wort? – Der Beitrag entwirft zunächst ein theoretisches Modell des Text-Kontextes für Zwecke des Wortverstehens und resümiert dann die Ergebnisse einer empirischen Studie an über 300 Probanden, die in Texten hilfreiche Stellen zu einem selbst gewählten schwer verständlichen Wort identifizieren sollten. U.a. lassen sich Angaben über den Umfang relevanten Kontextes, über Distanzen und Positionen relativ zu einem fraglichen Wort sowie über syntaktische und textuelle Merkmale hilfreicher Kontextelemente machen. Im Anschluss an die Ergebnisse können Aussagen über mehr oder weniger sinnvoll gestaltete Wort-Kontexte diskutiert werden.