„Das Ding kann man sogar zum Onlineshoppen verwenden!“ – Narrative Identitäten in deutschen Parodie-Rezensionen

Stefanie Pohle/Veronika Pankova
13.09.2018, Poster-Session

Das Poster präsentiert die Ergebnisse einer explorativen Studie zu narrativen Identitäten in deutschsprachigen Parodie-Rezensionen. Dieser Rezensionstyp ist als neues digitales Genre neben seriösen Online-Rezensionen entstanden, die als etabliertes Genre der computervermittelten Kommunikation gelten (Vásquez 2016, 2017).

Unsere Studie konzentriert sich auf nutzergenerierte parodistische Kundenbewertungen auf der E-Commerce-Plattform Amazon. Bisher gibt es zu diesem Thema nur wenige Studien (z.B. Ray 2016; Skalicky & Crossley 2015; Vásquez 2016, 2017), und diese beschäftigen sich ausschließlich mit englischsprachigen Bewertungen. Wir möchten mit unserer Untersuchung einen ersten Beitrag zur Schließung dieser Forschungslücke leisten.

Die Resultate unserer qualitativen Analyse von 20 Parodie-Rezensionen des „Wenger Giant Knife“, „eine[s] 24 cm breiten, mit 87 Werkzeugen bestückten, 141 Funktionen bietenden und 1345 g schweren Taschenmesser[s]“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Wenger), deuten darauf hin, dass deutsche Parodie-Rezensionen in erster Linie produktbezogen sind.

Diese Erkenntnis steht im Gegensatz zu den Ergebnissen von Vásquez‘ (2017) Untersuchung englischer Parodie-Rezensionen, bei denen keine detaillierten Beschreibungen des Produktes im Vordergrund stehen, sondern ausschweifende Erzählungen rund um die persönlichen Erfahrungen eines imaginierten Ichs mit dem Produkt.

Bei den deutschen Bewerter*innen sind solche narrativen Elemente weniger deutlich zu finden. Zwar erschaffen auch sie sich eine fiktionale Identität und berichten aus dieser vermeintlichen Ich-Perspektive, aber in erster Linie zielen sie darauf ab, das Produkt ausführlich zu beschreiben und zu bewerten. Sie parodieren dabei die für seriöse Bewertungen typische produktfokussierte Sprache und erfinden zusätzliche, absurde Funktionen des Taschenmessers.

Eine der Interpretationen der Ergebnisse könnten die von House (1996) beschriebenen deutsch-englischen Kulturunterschiede sein, nämlich die Tendenz der Deutschen, einen inhaltlich orientierten Kommunikationsstil zu bevorzugen, im Gegensatz zu englischsprachigen Personen, die einen eher adressatenorientierten Interaktionsstil vorziehen.

Weitere Analysen von deutschsprachigen Parodie-Rezensionen sind notwendig, um herauszufinden, ob unsere Beobachtungen typisch für bestimmte Produktkategorien sind oder ob es sich um generische kultur- und/oder sprachspezifische Merkmale für dieses Phänomen in der computervermittelten Kommunikation handelt.

 

Literatur
House, J. (1996): Contrastive discourse analysis and misunderstanding: The case of German and English. In: M. Hellinger & U. Ammon (eds.), Contrastive Sociolinguistics (Contributions to the Sociology of Language 71). Berlin et al.: Mouton de Gruyter, 345-362.

Ray, B. (2016). Stylizing genderlect online for social action: A corpus analysis of ‘Bic Crystal for Her’ reviews. Written Communication 33(1), 42-67.


Skalicky, S., & Crossley, S. (2015). A statistical analysis of satirical Amazon.com product reviews. European Journal of Humor Research 2, 66-85.

Vásquez, C. (2016). Intertextuality and authorized transgression in parodies of online consumer reviews. Language@Internet 13, article 6.

Vásquez, C. (2017). “My life has changed forever!”: Narrative identities in parodies of Amazon reviews. Narrative Inquiry 27(2), 217-234.

„Wenger Schweizer Offiziersmesser Giant Messer, mit Schatulle” (https://www.amazon.de/Wenger-Schweizer-Offiziersmesser-Messer-Schatulle/dp/B000R0JDSI/ref=cm_cr_arp_d_product_top?ie=UTF8)