„da darf man eben tatsächlich nicht mehr »ah uhm ah äh« machen“ Instruktionen in Theaterproben

Anna Wessel
13.09.2018, Poster-Session

In Theaterproben werden unter Ausschluss der Öffentlichkeit Inszenierungen erarbeitet, die anschließend in öffentlichen Aufführungen einem Publikum präsentiert werden. Die Spezifik dieser institutionellen Kommunikation liegt in der Privatheit des Probensettings, denn „nach wie vor ist das Proben ein Vorgang, der eine gewisse Vertrautheit, Intimität voraussetzt“ (Primavesi 2011, 290). Die Struktur dieser geschützten Probenarbeit lässt sich in Spiel- und Unterbrechungsphasen einteilen. Meine bisherigen Analyseergebnisse zeigen, dass 63 % der Probenzeit aus diesen Unterbrechungsphasen bestehen. Darin bilden die sowohl prospektiv als auch retrospektiv ausgerichteten Instruktionen (in Form von Anweisungen bzw. Korrekturen) die zentralen kommunikativen Bestandteile in der Probenarbeit. Um diese Instruktionen zu konkretisieren, greift die Regie auf verschiedene kommunikativ-ästhetische Praktiken in verbaler und spielender Form zurück. Damit werden auch Proben zu Aufführungssituationen, und das in doppelter Hinsicht (vgl. Diekmann 2014, 89). Einerseits indem die Schauspieler/innen der Regie die erarbeiteten Szenen vorspielen und andererseits, indem die Regie kommunikativ-ästhetische Praktiken ‚aufführt‘, um ihre Instruktionen zu verbildlichen und zu konkretisieren. Prominentes Beispiel dafür ist das ‚Vormachen‘. Die Spezifik dieser instruierenden Praxis liegt im Grad der Illustrierung (‚Vorspielen‘ versus ‚Markieren‘), in der Elaboriertheit, den intermodalen Bezügen des Vormachens zu anderen instruktionskonkretisierenden Praktiken (bspw. Erklären, Begründen oder Beschreiben) und in den Reaktionen der Schauspieler/innen.

 

Während Maximilian Krug (Universität Duisburg/Essen) mit seinem GAL18-Poster „Online-Instruktionen als multimodale Praxis des Probierens in Theaterproben“ Instruktionen während des szenischen Spiels betrachtet, fokussiert dieser Beitrag Instruktionen in Unterbrechungen nach dem szenischen Spiel. Das Poster zeigt als Grundlage die Struktur von Instruktionssequenzen, um anschließend auf die kommunikativ-ästhetische Praktik ‚Vormachen‘ einzugehen, die zur Konkretisierung der verbal geäußerten Instruktion dient. Grundlage für die Rekonstruktionen durch multimodale Interaktionsanalysen (vgl. Schmitt 2015) bildet eine Probenprozessdokumentation mit 350 Stunden audiovisuellem Datenmaterial.

 

Literatur
Diekmann, Stefanie (2014): Die andere Szene. Theaterarbeit und Theaterproben im Dokumentarfilm. Theater der Zeit Verlag Berlin. (Recherchen 91).

Primavesi, Patrick (2011): Das Spiel mit der Probe. Katastrophenvorbereitung im Theater. In: Hinz, Melanie / Roselt, Jens: Chaos und Konzept. Proben und Probieren im Theater. Alexander Verlag Berlin.

Schmitt, Reinhold (2015): Positionspapier: Multimodale Interaktionsanalyse. In: Ulrich Dausendschön-Gay, Elisabeth Gülich und Ulrich Krafft (Hg.): Ko-Konstruktionen in der Interaktion. Die gemeinsame Arbeit an Äußerungen und anderen sozialen Ereignissen. Bielefeld: transcript Verlag (Sozialtheorie), S. 43–51.