Bitte Brot Delivery“ – Emblematisches Deutsch im Süden Chiles

Patrick Wolf-Farré
12.09.2018, 16.20 Uhr-16.40 Uhr, S06 XX, Symposium II

Deutsche Sprache im öffentlichen Raum ist in Chile keine Seltenheit, obwohl das Land kein primäres Ziel deutschsprachiger Auswanderung im 19. Jh. war und die deutschstämmige Bevölkerung gegenwärtig nur ca. 2–3 % beträgt. Bis heute gibt es zahlreiche Einrichtungen wie deutsche Schulen, Gaststätten oder Feuerwehreinheiten, die gemeinsam mit deutschen Familiennamen auf Straßenschildern die Stadtbilder prägen. Dies trifft besonders auf den sog. kleinen Süden Chiles zu. Hier sind deutsche linguistic landscapes deutliche Indikatoren für den migrationsbedingten Sprachkontakt (vgl. Marten / Lazdiņa 2016). Meist findet der Gebrauch deutscher Sprache im öffentlichen Raum in Kombination mit nichtsprachlichen Zeichenträgern statt, etwa deutsch anmutender Architektur, frakturähnlicher Schriftart, deutschen Fahnen etc. Dabei richten sich deutsche Schriftzüge längst nicht mehr nur an Deutschchilenen: Wie in anderen Teilen der Welt auch, wird „deutsch“ hier häufig als Qualitätsprädikat wahrgenommen und entsprechend eingesetzt.

In den letzten Jahren aber finden sich vereinzelt Fälle, in denen Deutsch in einer betont moderneren Weise als sprachliches Zeichen im öffentlichen Raum genutzt wird. So wird auf einen „typisch deutsch“ anmutenden Kontext verzichtet und Deutsch auch in Kombination mit Englisch verwendet. Ein Beispiel hierfür ist ein kürzlich in Osorno eröffneter Sandwich-Lieferservice namens „Bitte Brot Delivery“. Ein solcher Schriftzug ist erst im entsprechenden Kontext (Osorno als von deutscher Einwanderung geprägte Stadt) zu verstehen und interpretieren.

In diesem Vortrag soll ein bestimmter Aspekt deutscher Sprache im öffentlichen Raum Chiles untersucht werden. Deren Verwendung entwickelt sich momentan hin zu einem emblematischen Gebrauch im Sinne Blommaerts (2010): Waren deutsche Schriftzüge zunächst an die deutschsprachige Bevölkerung Chiles gerichtet, kam ihnen mit abnehmender Bedeutung des Deutschen als Alltagssprache eine nurmehr auf die Deutschchilenen verweisende Funktion zu. In jüngster Zeit verweisen sie über sie hinaus auf eine transnationale Ebene, sind aber nach wie vor in ihrer von Einwanderung geprägten Umgebung verwurzelt und nur aus dieser heraus zu entschlüsseln. Dies lässt Vergleiche zu ähnlichen Situationen im europäischen Kontext zu (vgl. Cindark / Ziegler 2016) und muss letztlich als Teil globaler Entwicklungen verstanden werden.

 

Literatur
Blommaert, Jan (2010): The Sociolinguistics of Globalization. Cambridge: UP.

Cindark, Ibrahim /Ziegler, Evelyn (2016): „Mehrsprachigkeit im Ruhrgebiet: Zur Sichtbarkeit sprachlicher Diversität in Dortmund.“ In: Ptashnyk, Stefaniya / Beckert, Ronny / Wolf-Farré, Patrick / Wolny, Matthias (Hrsg.): Gegenwärtige Sprachkontakte im Kontext der Migration. Heidelberg: Winter, 133-156.

Marten, Heiko F. / Lazdiņa, Sanita (2016): „Die Analyse von Linguistic Landscapes im Kontext des Verhältnisses von Sprache und Migration.“ In: Ptashnyk, Stefaniya / Beckert, Ronny / Wolf-Farré, Patrick / Wolny, Matthias (Hrsg.): Gegenwärtige Sprachkontakte im Kontext der Migration. Heidelberg: Winter, 77-98.