Auswertungsgespräche in kompetenzorientierter Hochschullehre: Zur Etablierung eines Interaktionstyps

Cordula Schwarze
13.09.2018, Poster-Session

Der Beitrag aus einem Projekt zur Hochschulkommunikationsforschung (Schwarze 2017, 2015) zeigt aus gesprächsanalytischer Perspektive, welche interaktionalen Charakteristika die Konstitution von Sprachreflexion in Auswertungsgesprächen aufweist.

In der Hochschullehre hat sich Kompetenzorientierung als Konsequenz aus Modularisierung und der Orientierung der Curricula an professionsorientierten und akademischen Qualifikationszielen etabliert. Dieser Prozess impliziert die Herausbildung neuer Lehr- und Lernformen. Für eine Germanistik, in deren Rahmen sich vorliegendes Projekt einordnet, heißt Professionsorientierung, Lehrangebote mit dem Ziel des Erwerbs und der Optimierung elaborierter Textproduktionskompetenz, mündlicher Interaktionskompetenz sowie „Sprachkritikkompetenz“ (Kilian, Niehr, Schiewe 2010) vorzuhalten.

Im Auswertungsprozess studentischer Leistungen aus solchen Seminaren stehen die multiperspektivische, sachgerechte Beurteilung, die reflexive Bearbeitung von Konvergenzen und Divergenzen auf der Ebene von Wissen und Analyse, das Aufzeigen von Handlungsalternativen sowie die Intersubjektivierung dieser Ergebnisse im Mittelpunkt. Konstituierender Faktor ist ein Auswertungsobjekt, auf das sich auswertende Handlungen beziehen lassen müssen. Damit sind Auswertungsgespräche als (sprach-)reflexives Geschehen doppelt bestimmt: Erstens werden sprachlich-kommunikative Phänomene des Auswertungsobjekts fokussiert, zweitens werden Analyse- und Reflexionsprozesse in Gesprächsform initiiert und gesteuert. „Auswerten“ ist zunächst die Ethnokategorie als Selbstbezeichnung der pädagogischen Aktivität durch die videographierten Lehrpersonen, sie wird zur Basis für interaktionstypologische Überlegungen. Auswerten als Handlungskomplex hat Ähnlichkeiten zu Feedbackgesprächen (Mönnich 2010, 2008), Kommunikationsberatung (Hartung 2011) oder Rückmeldegesprächen (Schindler 2013).

Die Datengrundlage ist ein systematisch erhobenes Korpus videographierter authentischer Seminarinteraktionen als Auswertungen schriftlicher und mündlicher Leistungen sowie eine Fokusgruppendiskussion der Lehrpersonen. Methodisch wird mittels der Multimodalen Interaktionsanalyse sequenzanalytisch der interaktive Vollzug des Auswertens mit Teilhandlungen wie Zeigen, Nachahmen, Hervorheben oder Hinweisen herausgearbeitet; es werden Sequenzmuster zu erwartender Handlungsabfolgen präsentiert, wobei auswertendes Handeln von anderen Handlungstypen abzugrenzen und auszudifferenzieren ist und somit die Konstitution des Auswertungsgesprächs in interaktionstypologischer Perspektive aufgezeigt werden kann. Typologisch wirksam wird die Materialität des Auswertungsobjekts und bildet den Bezugspunkt für nachfolgende Differenzierungen. Abschließend lässt sich beantworten, inwiefern Auswertungsgespräche als ein neuer, institutionell geformter Interaktionstyp angesehen werden können.

 

Literatur
Hartung, Martin (2011): Kommunikationstypologien in Beratung und Training. In: Habscheid, S. (Hg.): Textsorten, Handlungsmuster, Oberflächen. Linguistische Typologien der Kommunikation. Berlin, S. 621-637.

Kilian, Jörg/Niehr, Thomas/Schiewe, Jürgen (2010): Sprachkritik. Berlin.

Mönnich, Annette (2008): Kommunikation unter der Lupe. Möglichkeiten und Grenzen der Transkriptanalyse für die Entwicklung von Feedbackfähigkeiten. In: Heilmann, C./Lepschy, A. (Hg.): Rhetorische Prozesse. München, S. 137-145.

Mönnich, Annette (2010): Funktionen von Hörerrückmeldungen in Feedbackgesprächen. In: Hinrichs, N./Limburg, A. (Hg.): Gedankenstriche – Reflexionen über Sprache als Ressource. Tübingen, S. 231-249.

Schindler, Kirsten (2013): Texte beurteilen – Feedback geben. Kompetenzen für Lehramtsstudierende. In: Brandl, H. et al. (Hrsg.): Mehrsprachigkeit in Wissenschaft und Gesellschaft. Bielefeld, S. 57-68

Schwarze, Cordula (2015): Angemessenheitsverhandlungen in Auswertungsgesprächen in der Hochschullehre. In: Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur, 02/2015, S. 190-199.

Schwarze, Cordula (2017): Gemeinsam im Seminar. Die körperlich-räumliche Herstellung eines Interaktionsereignisses in der Universität. In: Leitner, Ulrich (Hg.): Corpus Intra Muros. Eine Kulturgeschichte räumlich gebildeter Körper. Bielefeld, S. 347-376.