Argumentation oder Narration – was dominiert politische Diskurse?

Josef Klein
12.09.2018, 13.45 Uhr-14.30 Uhr, S06 XX, Symposium V

Wenn man das politische Feuilleton liest, scheint es die große Sehnsucht nach Narration zu geben: Da wird in der Politik das überzeugende 'Narrativ', die 'große Erzählung' oder gar die packende 'Vision' vermisst. Schaut man hin was gemeint ist, so wird deutlich: Hier werden durchweg anspruchsvoll klingende Ausdrücke höchst gefühlig und mit polit-moralischem Anspruch verwendet, ohne dass eine auch nur einigermaßen klar abgrenzbare Referenz erkennbar ist. Es handelt sich um das, was Uwe Pörksen schon vor Jahrzehnten als 'Plastikwörter' bezeichnet hat – sozusagen Plastikwörter der zweiten Generation.

In dem Vortrag wird demgegenüber versucht – ausgehend von der Gegenüberstellung von narratio und argumentatio in der klassischen Rhetorik – den Begriff der Narration schärfer zu fassen, und zwar sowohl mit Blick auf Einzeltexte als auch auf Diskurse und Kampagnen. Dabei stellt sich heraus, dass narratio, (besser: Plural narrationes) durch funktionalen Stellenwert innerhalb von Argumentationen bestimmt ist. Welche Stellenwerte narrative Elemente haben können und welcher Erzähltypus jeweils gefordert ist, wird nicht zuletzt durch die Topoi des für politische Argumentation prägenden komplexen Musters (Daten, Datenbewertung, Prinzipien/Werte/Normen, Zielsetzung, politisches Handeln als Konklusion) bestimmt.

Es wird zu diskutieren sein, ob erzählerische Elemente – unbeschadet ihrer strukturellen Abhängigkeit in Argumentationen – ein davon mehr oder weniger unabhängiges eigenes ästhetisches und emotives Potential besitzen.